Vom Bäcker zum Volkshelden: Der Bäcker aus der Bäckerstraße
Die Figur aus glasiertem Terrakotta aus der 1. Hälfte des 14. Jahrhunderts diente ursprünglich wohl als symbolischer Türwächter in einer Häusernische in Lüneburg. Zu einem nicht mehr festzustellenden Zeitpunkt wurde die Figur in der städtischen Überlieferung zur Abbildung eines Bäckers umgedeutet, der in der Ursulanacht 1371 allein 22 Mann erschlagen haben soll.
Heute befindet sich das Original im ►Museum Lüneburg, während eine Kopie an einem Haus in der Bäckerstraße an die Legende erinnert.
Hintergründe der Ursulanacht
Die Ursulanacht vom 20. auf den 21. Oktober 1371 war ein entscheidender Wendepunkt in der Lüneburger Geschichte und markiert den Höhepunkt des Lüneburger Erbfolgekriegs. Nachdem der letzte Lüneburger Heideherzog Wilhelm II. 1369 ohne männliche Erben gestorben war, entbrannte ein Machtkampf um das Fürstentum Lüneburg. Die Stadt Lüneburg nutzte die Schwäche der Landesherren, um mehr Unabhängigkeit zu erlangen. Sie zerstörte Anfang 1371 die landesherrliche Burg auf dem Kalkberg, die die Stadt kontrollierte. Herzog Magnus II. Torquatus versuchte daraufhin in der Nacht zum St.-Ursula-Tag, die Stadt durch einen Überraschungsangriff zurückzuerobern. Ritter des Herzogs drangen heimlich in die Stadt ein. Die Bürger Lüneburgs bemerkten den Angriff rechtzeitig und leisteten erbitterten Widerstand in blutigen Straßenschlachten. Der Angriff scheiterte kläglich. Dieser Sieg sicherte Lüneburg für Jahrhunderte eine weitgehende städtische Selbstständigkeit und den Status einer fast freien Reichsstadt.
Doch welche Rolle spielte der Bäcker? (Legende vs. Historie)
Die Geschichte des tapferen Bäckers, der im Alleingang 22 (nach anderen Angaben 30) Ritter mit einem hölzernen Brotschieber oder einer Keule erschlagen haben soll, ist eine spätere Legende. Historische Quellen aus dem 14. Jahrhundert erwähnen ihn nicht; die Erzählung tauchte erst im 16. Jahrhundert auf. Die Figur an der Bäckerstraße ist kunsthistorisch älter als das Ereignis und stellte ursprünglich wahrscheinlich eine Art Roland (Symbol für Stadtrechte) dar, wurde aber im 17. Jahrhundert volkstümlich mit der Bäcker-Sage verknüpft. Heute erinnert ein Gedenkstein in der Heiligengeiststraße als Teil des „Lüneburger Friedenspfads“ an die Ereignisse dieser Nacht.
