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St. Laurentii, Süderende / Föhr

Abseits von den Touristenzentren, inmitten des noch landwirtschaftlich geprägten „Westerlandes“ der Insel Föhr ragt der Turm der St. Laurentii-Kirche hoch über das flache Land. Mit den Nachbarkirchtürmen von St. Johannis in Nieblum und St. Nicolai in Wyk-Boldixum prägt er die Silhouette der Insel. Während St. Johannis und St. Nicolai unmittelbar an die zugehörigen Dörfer grenzen, liegt St. Laurentii mit dem zugehörigen Friedhof abseits der umliegenden kleinen Orte, auch wenn inzwischen mit dem Bau des neuen Pastorates und weniger anderer Häuser die ursprünglich völlige Einsamkeit der Kirche nicht mehr gegeben ist. Von St. Johannis, der Mutterkirche der Insel, aus wurde St. Laurentii wohl in der 2. Hälfte des 12. Jahrhunderts gegründet. Sie ist Pfarrkirche der sie umgebenden sieben Dörfer Hedehusum, Utersum, Dunsum, Süderende, Oldsum, Klintum und Toftum, die zusammen mit den zum Kirchspiel St. Johannis gehörenden Orten Witsum, Goting, Borgsum und einem Teil von Nieblum das Westerland der Insel bildeten. Politisch war das Westerland von 1435 -1721 vom Osterland scharf getrennt: das Osterland mit den Kirchspielen St. Johannis und St. Nicolai unterstand den Herzögen von Schleswig-Gottorf, das Westerland unmittelbar dem dänischen König, kirchlich dem Bischof von Ribe.

Ansicht der Kirche von Norden
Grundriss und Einrichtung (Hauptelemente)

Historie

Wie bei den meisten alten Landkirchen Schleswig-Holsteins gibt es für die mittelalterlichen Bauvorgänge an St. Laurentii keinerlei urkundliche oder durch Chroniken belegte Daten. Erwähnt wird die Kirche erstmals in einem Kirchenverzeichnis von 1240. Die Geschichte seiner stufenweisen Entstehung muss uns das langgestreckte, aus Granit und Backstein errichtete Bauwerk selbst erzählen.

 

Östlich des heutigen Haupteingangs an der Nordseite beginnt ein bis zum großen Norderquerhaus reichendes Wandstück, das über die ganze Höhe rechteckige Granitquader zeigt. Die einzigen Öffnungen in der sonst völlig schmucklosen Fläche, ein Rundbogenportal und ein hochsitzendes Rundbogenfenster, sind vermauert. An der Südseite finden wir, sogar noch weiter nach Osten reichend, ebenfalls wandhohes Granitmauerwerk, allerdings durch späteres Vorsetzen von Stützpfeilern und nach einer Instandsetzung 1963 mit Abnahme und Wiederaufbau der Granitschale verändert und ohne erkennbare Öffnungen. Beide Wandstücke, zu denen jetzt vom Rasen verdeckte abgeschrägte Sockel gehören, sind Teile der Längswände der ersten romanischen Kirche, die wohl gegen Ende des 12.Jahrhunderts aus Feldstein mit einer Außenschale aus - zumindest an der Vorderseite - in mühevoller Arbeit rechteckig zugehauenem Findlingsgranit errichtet wurde. Sie bestand aus einem turmlosen, mit flacher Balkendecke überspannten rechteckigen Schiff, das die Höhe und Breite sowie etwa ein Drittel der Länge des heutigen Langhauses hatte. Im Osten schlossen sich vermutlich ein quadratischer oder rechteckiger Chor und eine Halbkreisapsis an. Der Erstbau von St. Laurentii war ein nordfriesischer Ableger der großen Gruppe der romanischen jütischen Granitquaderkirchen und wurde als einziges nordfriesisches Beispiel dieser Bauweise wahrscheinlich bis zur Dachtraufe in Granit ausgeführt, während die vom Entwurf her vergleichbaren Kirchen St. Johannis in Nieblum (Erstbau), Keitum und Morsum auf Sylt und St. Willehad in Leck zwar als Granitquaderbauten begonnen, dann aber in Backstein oder importiertem rheinischem Tuff weiter hochgeführt wurden.

Nur wenige Jahre nach der Fertigstellung des Granitquaderbaus begann wohl im zweiten Viertel des 13. Jahrhunderts als 2. Bauperiode eine umfangreiche Erweiterung der Kirche. Sie erfolgte parallel und wohl auch in gewisser Konkurrenz zur Erweiterung von St. Johannis in Nieblum. An den westlichen Teilen der Langhauswände sehen wir Backsteinflächen, die zeigen, dass dieser ca. 9 Meter lange Abschnitt eine spätere Verlängerung der Granitquader-Kirche ist. Zu Beginn des 13. Jahrhunderts begann auch in Nordfriesland der Backsteinbau die Feldstein- und Granitquaderbauweise abzulösen. Bei der Erweiterung von St. Laurentii nutzte man allerdings die beim Abbruch der alten Westwand anfallenden Quader, um mit ihnen die unteren fünf Schichten herzustellen und dazu über den ersten drei Backsteinschichten eine weitere Granitquaderreihe einzufügen, was den Wandstücken eine besonders lebendige Oberfläche gibt. In den oberen Backsteinflächen sind in gleicher Höhe wie am Granitquaderbaue zwei schmale Fenster zu sehen. Ihre Bögen zeigen bereits eine in der Spätromanik aufkommende leichte Zuspitzung. Das westliche Fenster in der Südwand ist noch offen, die schmale Öffnung wird von tiefen schrägen Leibungen  eingefasst. Alle anderen sind vermauert. Die Portale, die sich wie bei fast allen alten Landkirchen Schleswigs und Jütlands in einer Achse ungefähr gegenüberliegen, sind nachträglich verändert. Das südliche zeigt eine hoch- oder spätgotische Form des 14./15. Jahrhunderts, spitzbogig mit gestufter Leibung, das nördliche, vor dem ein romanischer Tympanonstein im Boden liegt, einen neuzeitlichen Flachbogen, dahinter aber das vielleicht noch ursprüngliche, aus Granit hergestellte Gewände.

Südseite der Kirche

Wahrscheinlich schon gleichzeitig mit der Westerweiterung oder unmittelbar anschließend erhielt die Kirche im Osten eine neue größere Choranlage aus einem quadratischen Joch von der Breite des Kirchenschiffs und einer etwas eingezogenen Apsis, deren Grundriss nicht mehr die romanische Halbkreisform, sondern ein Polygon aus drei Seiten des Sechsecks zeigt. Die Außenflächen beider Bauteile sind weitgehend neu verblendet; stark erneuert ist auch der Fries aus noch runden Bögen unter der Traufe der Apsis. Die Apsisfenster mit schwach zugespitzten Bögen entsprechen den Fenstern der Westverlängerung. An der Südseite des Chores finden wir eine vermauerte schmale, rechteckige Tür, die ehemalige Priesterpforte, vor der bis zu ihrer Schließung 1844 ein reetgedecktes Vorhaus stand.

 

Wohl wieder angeregt durch St. Johannis, entschloss man sich auch im Westerland, die Kirche vor dem neuen Chor seitlich zu erweitern, allerdings, da sich ein neues vollständiges Querschiff nicht mehr einfügen ließ, nur durch ein wohl sofort nach dem Chorbau errichtetes großes quadratisches Norderquerhaus am Ostende des Langhauses. Anlass dieser Erweiterung dürfte der Wunsch nach weiteren Altarstellen gewesen sein. Die paarweise Anordnung der Fenster an der Ostseite lässt auf eine geplante, aber nicht ausgeführte Einwölbung dieses Raumes schließen; die Bögen der schmalen Fenster sind nun in frühgotischer Weise kräftig zugespitzt. Auch beim Bau von Chor, Apsis und Norderweiterung wurden die unteren Mauerwerksschichten aus den beim Abbruch des Chores gewonnenen Granitquadern hergestellt, beim Norderquerhaus und sogar noch bei der spätgotischen Sakristei auch unter Verwendung gerundeter Quader der ersten Apsis.

Mit Vollendung des Norderquerhauses bald nach der Mitte des 13. Jahrhunderts, hatte die Kirche ihre heutige Größe erreicht, es fehlte allerdings weiterhin ein massiver Turm, wie ihn St. Johannis bereits im 13. Jahrhundert erhielt. Der Turmbau an St. Laurentii erfolgte erst im Laufe des 15. Jahrhunderts in einer dritten, spätgotischen Bauperiode, die auch den Einbau von Gewölben im Langhaus mit Herstellung größerer spitzbogiger Fenster und den Anbau einer Sakristei an der Nordseite des Chores umfasste. Den ständigen Angriffen der Nordsee-Stürme, des Schlagregens und der Salzluft ausgesetzt, hat das dreigeschossige, wie die beiden anderen Föhrer Kirchtürme ein bleigedecktes Satteldach tragende Bauwerk seine ursprüngliche Außenschale bis auf Reste an der Nordseite fast völlig verloren. Eine 1771 mit  kleinformatigen Ziegeln durchgeführte Verblendung war 1964 so schadhaft, dass die West-, Süd- und Ostseite völlig neu, leider mit Maschinensteinen verblendet werden mussten. Die dabei hergestellten Schallöffnungen und die Gliederung der Flächen durch Bogenfriese sind damals frei erfunden. Das Erdgeschoß des Turmes war mit Schildbögen für eine Einwölbung vorbereitet, die aber nicht ausgeführt wurde. Im obersten Geschoß hängen drei Bronzeglocken. Die älteste wurde 1753 in Hamburg gegossen und 1869 von Gustav R. Häuflich in Husum umgegossen, die beiden kleineren der Gießerei Rincker in Sinn, kamen 1965 und 1966 hinzu.

 

Nachmittelalterliche Veränderungen erfolgten am Äußeren der Kirche nur noch durch Anfügen schwerer Stützpfeiler und Umgestaltung von Fenstern an der Südseite im 17. und 18. Jahrhundert sowie die ständige, auf der Insel besonders notwendige Erneuerung von Mauerwerksflächen. Die schönen Bleidächer, welche die Kirche vielleicht schon im Mittelalter hatte, konnten in den letzten Jahrzehnten wiederhergestellt werden.

Ausstattung

Wir betreten die Kirche durch das nordwestliche Portal und gelangen zunächst in einen niedrigen Vorraum unter der Westempore. Einen besonderen Akzent erhielt er bei der Neugestaltung 1983 durch die Aufstellung der barocken Marmortaufe. Kapitän Rörd Früdden aus Klintum ließ sie 1752 in der Hafenstadt Livorno von einem italienischen Steinmetz herstellen und stiftete sie der St. Laurentii-Kirche. Die zwiebelförmige Kuppa ruht auf einem profilierten Schaft, dessen Mitte ein umgekehrter Pyramidenstumpf mit der Inschrift R. F. 1752 einnimmt. Eine weitere Merkwürdigkeit im Vorraum ist die Confitentenlade wohl aus dem 18. Jahrhundert neben der Tür zum Kirchenschiff. Die Gemeindeglieder der sieben Dörfer des Kirchspiels steckten in den jedem Dorf zugewiesenen Schlitz im Deckel des einfachen weiß lackierten Klappkastens den nach früherer Gottesdienstsitte erforderlichen Zettel mit der Anmeldung zum Abendmahl.

Barocke italienische Mamortaufe von 1752
Confitentenlade aus dem 18. Jahrhundert

Die Osttür der Vorhalle öffnet sich zu dem hellen langgestreckten Kirchenraum. Das Langhaus ist in vier von Kreuzrippengewölben überspannte Joche - das westliche von Orgelempore und Vorraum eingenommen - gegliedert; Chorraum und Apsis schließen sich im Osten an. In der 3. Bauperiode der 2. Hälfte des 15.Jahrhunderts wurde die Folge der Gewölbe wie ein Haus im Haus in das bis dahin flachgedeckte Langhaus ohne konstruktive Verbindung mit den Außenwänden eingefügt. Man setzte tief ansetzende Schildbögen vor die Längswände. Die scharfkantig gekehlten Gewölberippen ruhen vor den Schildbogenpfeilern auf reich profilierten Sandsteinkonsolen. Die Form der Konsolen weist in die späte Gotik des ausgehenden 15. Jahrhunderts. Die Jocheinteilung bedingte neue spätgotische Spitzbogenfenster, von denen zwei an der Nordseite noch erhalten sind. Die Fenster der Südseite wurden im 17. und 18. Jahrhundert, als Predigt und Gesangbuchlesen mehr Tageslicht erforderten, vergrößert und mit Flachbögen überdeckt.

Blick auf die Deckenmalereien und die Orgel

Um 1530 wurde Föhr evangelisch, was nach und nach die Umgestaltung des Langhauses zum Predigtraum mit sich brachte. Zentrum des Gottesdienstes war nun die Kanzel, die wohl zu Anfang des 17.Jahrhunderts in einfachen Spätrenaissance-Formen in der gleichen unbekannten Werkstatt geschaffen wurde, die 1623 die Kanzel der St. Clemenskirche in Nebel auf Amrum fertigte. Der auf fünf Seiten des Achtecks hergestellte Korb trägt zwischen breiten Friesen eine kräftige Rundbogengliederung. Der wohl erst in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts hinzugefügte Schalldeckel ist wesentlich reicher geschnitzt und wird von Aufsätzen mit frühbarockem Knorpelwerk gekrönt, zwischen denen Putten die Leidenswerkzeuge Christi zeigen. Ihre heutige, 1952 erneuerte farbige Fassung erhielt die Kanzel 1671.  

Kanzel auf der rechten Seite des Kirchenschiffs aus dem 17. Jahrhundert

Der im Langhaus versammelten Gemeinde sollte jedoch nicht nur durch das Wort von der Kanzel, sondern auch in Bildern das Evangelium nahegebracht werden. Ein unbekannter Künstler bemalte um 1670 alle Gewölbekappen des Langhauses mit Szenen aus dem Leben und Darstellungen aus den Gleichnissen Christi in lebendiger, farbenfroher, volkstümlicher Weise. Diese barocken Kalkmalereien waren lange Zeit überstrichen. Sie wurden im Zuge einer Innenrenovierung 1954 freigelegt. Obwohl sie damals nur noch in Fragmenten sehr unterschiedlicher Vollständigkeit erhalten waren, entschloss man sich, sie als eines der wenigen und dazu von der lutherischen Ikonographie her besonders interessanten Beispiele protestantischer Gewölbemalerei wiederherzustellen. 1955/56 restaurierte der Kirchenmaler Franz Dubbick die Malereien des 2. Joches von Westen vor der Orgel mit den Darstellungen des Gleichnisses vom Sämann, der Begegnung Jesu mit Schriftgelehrten und der Auferweckung des Jünglings zu Nain mit sehr weitgehenden Ergänzungen und Übermalungen. Barockes Original ist heute nur noch die Gestalt des Henkers aus der Schilderung der Enthauptung Johannes des Täufers über der Orgel. Die wesentlich schlechter erhaltenen Malereien auf den beiden östlichen Langhausgewölben restaurierte dann in behutsamerer Weise der Hamburger Restaurator Neubert 1957/58.Gut erkennbar sind davon im 3. Joch das Gleichnis von den Arbeitern im Weinberg und die Geschichte vom Hauptmann zu Kapernaum, im 4. Joch die Begegnung Jesu mit der Samariterin.

Kirche nach Westen mit Gewölbebemalung

Der hohe Salzgehalt und die auch durch die Kirchenheizung bedingten Schwankungen der relativen Luftfeuchtigkeit im Kirchenraum führten in den 60er bis 80er Jahren zu starken Zerstörungen und Substanzverlusten der Malereien, des Putzes und sogar der Steinoberflächen. Diese Schäden waren Anlass, St. Laurentii in ein Forschungsprogramm des Deutschen Zentrums für Handwerk und Denkmalpflege in Fulda aufzunehmen. Mit hohem Aufwand untersuchte von 1992 bis 1995 ein Team aus Baufachleuten, Restauratoren und Naturwissenschaftlern die bauphysikalischen, bauchemischen, klimatischen und baukonstruktiven Eigenschaften und die Baugeschichte der Kirche. Ergebnis war eine erneute, sehr behutsame und denkmalgerechte nochmalige Restaurierung aller Malereien sowie der Gewölbe und Wandflächen durch den Hamburger Restaurator Christian Leonhardt von 1997 - 2000.

 

Im 18. Jahrhundert erhielt die Kirche zur Vermehrung der Platzzahl einfache Holzemporen im Westen, entlang der Nordseite und im Norderquerhaus. Für die langen Predigtgottesdienste war nach der Reformation ein festes Gestühl erforderlich, das bis 1844 in drei Blöcken aufgestellt war. Bei der umfangreichen Innenrenovierung 1980 unter Leitung des Architekten Karsten Peter Feddersen, Bredstedt, die auch den neuen, beheizten Wesersandsteinfußboden sowie die jetzige Farbgebung der Holzteile nach Angaben von Botho Mannewitz, Bad Oldesloe mit sich brachte, erhielt das Gestühl seine heutige Form. Die Köpfe der Bankwangen schmücken geschnitzte Symbole nach Anregungen von Gemeindegliedern.

Die Mittelpunkte der Gewölbejoche von Langhaus und Chor betonen drei prächtige barocke Kronleuchter aus Messing. Den mittleren mit Pferdeköpfen an den Lichtarmen stiftete Peter Petersen 1702. Die beiden äußeren von 1677 sind Geschenke des Walfänger-Kommandeurs Matthias Petersen, des »glücklichen Matthias« und seines Bruders John. Bemerkenswert ist die auf barocken Kronleuchtern beliebte heidnische Darstellung des Zeus auf dem Adler auf der westlichen Krone.

Der mittlere Kronleuchter aus dem Jahre 1702

An der Westwand des nach dem Emporeneinbau in seiner Raumwirkung untergeordneten Norderquerhauses hängt ein Brustbild Christi von dem als früher Föhrer Laienmaler bekannten Oluf Braren (1787 bis 1839).

 

Ein weiter, schon spitzer Bogen öffnet sich zum spätromanischen Chorraum. Acht Rundstabrippen gliedern das kuppelförmig gemauerte Gewölbe und vereinen sich in einem Schlussring. Diese spätromanische Gewölbeform finden wir auf Föhr auch in den Chören von St. Johannis und St. Nicolai. Vorbild für alle dürften die Langhausgewölbe des Domes zu Ribe, die auf 1242 datiert werden, gewesen sein, sodass die Choreinwölbung der Föhrer Kirchen in der Mitte des 13.Jahrhunderts erfolgt sein wird.

 

Die Apsis überdeckt eine 1989/90 erneuerte rundbogige Halbkuppel. Ihren Übergang zum Sechseckgrundriss vermitteln Schildbogenansätze, die auf halbrunden Eckdiensten ruhen. An der südlichen Apsiswand hängt das auf Putz gemalte Fragment einer weiblichen Heiligen. Es erinnert an 1980/81 freigelegte, aber leider nicht zu erhaltende Reste einer gotischen Ausmalung des 14. Jahrhunderts auf dem Apsisgewölbe mit dem thronenden Christus zwischen Evangelisten-Symbolen und Heiligen.

 

Vor der Apsis steht der mittelalterliche gemauerte Altar mit einem spätgotischen Retabel aus Mittelschrein und Flügeln. In einer durchlaufenden Reihe erscheinen unter 12 Maßwerkbaldachinen in der Mitte Christus und die gekrönte Maria, im Schrein rechts Paulus und eine weibliche Heilige mit Schwert, links Petrus und der Evangelist Johannes, im rechten Flügel Dionysius, Katharina (?) und Laurentius, im linken ein heiliger Bischof mit Buch und Märtyrerpalmzweig, Barbara und ein Apostel (Jakobus?). Die individuell und lebendig, dabei etwas derb geschnitzten Figuren können stilistisch in das 3. Viertel des 15. Jahrhunderts datiert werden und sind wohl in einer heimischen Werkstatt geschaffen. Das Werk steht damit zeitlich zwischen den von Thema und Aufbau her vergleichbaren, künstlerisch noch bedeutenderen Retabeln in Haddeby bei Schleswig (2. Viertel des 15. Jahrhunderts) und Nieblum (um 1480). Die Figuren tragen eine nach 1950 freigelegte und restaurierte recht bunte barocke Farbfassung, die dazu etwas kontrastierende Farbigkeit der Rahmung geht auf Spuren der Spätgotik zurück.

Altar der Kirche St. Laurentii
Aufbau des Altars der Kirche St. Laurentii
JacobusEvangelist Dionysius
BarbaraJohannesKatharina
NikolausPetrusLaurentius
 Maria 
 Jesus Pailus 
 Margareta 

Von den beiden prächtigen Leuchterpaaren auf dem Altar, alle auf kleinen Löwenfiguren, stammt das ältere noch aus der späten Gotik um 1500, das jüngere barocke wurde 1680 von Janes Petersen gestiftet. Zwischen den Leuchtern steht heute ein spätgotisches Kruzifix wohl aus dem Ende des 15. Jahrhunderts. Geschaffen als Vortragekreuz, befand es sich bis 1950 vor einem giebelförmigen Aufbau mit Akanthusmalerei und Bibeltexten über dem damals hell überstrichenen Retabel. Diese Umarbeitung des frühen 18. Jahrhunderts mit der Dominanz des gekreuzigten Christus sollte dem Altar seinen „katholischen“ Charakter nehmen. In den 50er Jahren des 20.Jahrhunderts entfernte man in der Absicht, dem Altarraum wieder seine mittelalterliche Erscheinung zu geben, nicht nur die barocken Zutaten am Altar, sondern auch die italienische Marmortaufe und den originellen Pastoren- und Beichtstuhl von 1680, eine geschlossene Loge mit geschwungenem Dach, die seit 1980 als Windfang für die Außentür des Norderquerhauses dient. Stattdessen erhielt der Chor ein Seitengestühl mit Rückwänden und Baldachinen nach dem Vorbild gotischer Chorgestühle. Wiederaufgestellt wurde die bis dahin in der Vorhalle stehende romanische Granittaufe. Sie ist das älteste, schon aus der Granitquaderkirche vom Ende des 12. Jahrhunderts stammende Ausstattungsstück. Ihre schwere, runde Kuppa ruht auf einem als umgekehrtes Würfelkapitell mit Taustäben um die Schildflächen hergestellten Fuß.

Romanische Granittaufe

Vor dem Altar liegen fünf Grabplatten (eine davon rechts im Bild). Die drei mittleren sind qualitätvolle, mit Wappen und Eckrosetten gezierte Arbeiten aus dunklem Namurer Kalkstein. Die linke erinnert an Pastor Richardus Petri, der von 1620 bis 1678 an St. Laurentii amtierte, wohl das theologische Programm für die Gewölbemalereien im Langhaus aufstellte und von dem überliefert wird, dass er der Föhrer Jugend kostenlos Navigationsunterricht erteilt habe. In der Mitte ruht sein 1689 verstorbener Sohn Pastor Bartholomäus Richardi, von dem die Inschrift in der barocken Rahmung der Tür zur Sakristei zeugt, rechts dessen 1702 als Theologiestudent gestorbener Sohn Richardus Richardi.

 

Nahe der Sakristeitür hängt ein Porträt des 1757 - 1782 amtierenden, aus Kopenhagen stammenden Pastors Jens Kirkerup mit Perücke und Halskrause. Das Ölgemälde zeigt den aus Kopenhagen stammenden Geistlichen, der insgesamt 25 Jahre  Diakon und erster Pastor in der Gemeinde war. In die Liste der Pastoren seit der Reformation 1530 reiht sich somit auch ein Däne. (Von 1231 bis 1864 gehörte das Kirchspiel St. Laurentii auf Westerlandföhr insgesamt 500 Jahre zu Dänemark und wurde kirchlich vom Bistum in Ribe, verwaltet.) Bisher ist nicht bekannt und auch nicht über die Inventarverzeichnisse im Kirchenarchiv in der Ferring-Stiftung in Alkersum festzustellen, wer das Ölbild seinerzeit gemalt hat. Eine eventuelle Signatur war auch nach der Abnahme nicht erkennbar. Es ist zudem unklar, wer das Bild in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts in Auftrag gegeben hat. Kam der Anstoß durch oder aus der Gemeinde? War es ein der Gemeinde wohl gesonnener Spender? Oder ist es im Auftrag des Pastors oder der Kirchenobrigkeit gefertigt worden? Um die Frage zu klären, werden weitere Nachforschungen angestellt.

 

Dem Portrait gegenüber findet man ein gutes Temperagemälde: Jesus bei Maria und Martha von Nahmen Peter Matthiessen (1799 - 1870), aufgewachsen auf Föhr, Schüler zunächst von Oluf Braren, dann bei dem bedeutenden Eutiner Hofmaler und Freund Goethes Johann Heinrich Tischbein.

Beim Verlassen der Kirche fällt der Blick auf die Orgel. 2017 hat sie ihren ursprünglich romantischen Klang weitestgehend wiedererhalten. Dank einer großen Spendenbereitschaft konnte die Kirchengemeinde das Instrument durch Um- und Neubau um drei klingende Register erweitern lassen. Was war geschehen?

 

Die ursprünglich mit einem dreiteiligen neugotischen Prospekt von der Orgelbau-Anstalt Marcussen & Sohn aus Apenrade in Dänemark gebaute Orgel war am 30. Juni 1890 in der St.-Laurentii-Kirche eingeweiht worden. Dies belegen ein Fabrikationsschild und ein manueller Eintrag im Orgelgehäuse. Umfangreiche Umbauten in den Jahren 1948 und 1962 gingen zu Lasten des romantischen Klangs. Von der Hamburger Orgelbauwerkstatt Lobback wurde das 18 Register auf zwei Manualen und Pedal umfassende Werk schließlich 1990 komplett renoviert. Seit dieser Zeit zeigte sie sich als neobarockes Instrument. Die Veränderungen am Pfeifenwerk waren so gravierend, dass vom ursprünglichen kräftigen und warmen Klang der Orgel nichts mehr vorhanden war. Solche Veränderungen romantischer Instrumente waren in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts aufgrund des Zeitwandels und des Musikgeschmacks üblich. 2013 gelang es durch einen Rückbau, die originalen historischen Luftbälge wieder in das Instrument zu integrieren. Seitdem kann die Orgel durch manuelles Balgtreten mit Wind versorgt werden. Durch die gleichmäßige Druckverteilung ist der Klang harmonischer als mit der elektrischen Luftversorgung. Das Bedienen der Luftbälge wurde früher durch Helfer vorgenommen. Oftmals fungierten die Konfirmanden als Kalkanten (Balgtreter). Durch den Kalkantenruf wurden sie vom Organisten auf den Beginn der Arbeit aufmerksam gemacht. Dazu benutzte dieser einen Registerzug, der mit einem Glöckchen an der Balganlage verbunden ist. Durch den sogenannten geschöpften Wind über das Balgtreten verändert sich der Orgelklang und wirkt lebendiger und harmonischer. Bereits zum Ende des letzten Jahrhunderts war die Idee entstanden, die Orgel durch den Einbau weiterer Klangregister zu erweitern. Erst jetzt - fast 20 Jahre später - konnte dieser Gedanke erfolgreich realisiert werden. Der Platz und die Technik, um drei von vier freien Registern zu integrieren, waren bereits vorhanden. Ziel der umfangreichen Aktion war es, dem Kircheninstrument seine Stimme und seinen Klangcharakter wiederzugeben. Somit verfügen die beiden Kirchenmusikerinnen nun beim Orgelspiel über vielfältigere Registermischungen und die Möglichkeit von farbenreicheren Klangintonationen. Im Mai 2017  erhielt das Kircheninstrument nun drei weitere Register – nach rund dreiwöchigen Vorbereitungsarbeiten in der Werkstatt. Neben metallischen Zinn- und Bleipfeifen von Orgeln aus anderen Kirchen, von denen die größte zirka drei Meter hoch ist (Viola da Gamba), sind über 100 Jahre alte hölzerne Pfeifen zum Ausbau der klingenden Register eingesetzt worden, die aus der Bauzeit der Marcussen-Orgel stammen. Damit verfügt die Orgel nun insgesamt über 1404 Pfeifen. Im Gottesdienst am 21. Mai 2017 konnte sich die Gemeinde erstmals am neuen Klang der Orgel erfreuen.

 

Auch sonst finden in St. Laurentii viele musikalische Ereignisse über das Jahr verteilt statt. Beispiel: Das Inselsingen. Der „Austragungsort“ Süderender St.-Laurentii-Kirche war so gut besucht, dass nicht jeder einen Sitzplatz fand, auch wenn Hausherr und Pastor Dirk Jeß sich als Platzanweiser mehr als bemühte. Alle zwei Jahre findet das musikalische Ereignis statt, jeweils mit wechselndem Gastgeber. Diesjährig waren es die „Feer Ladies“, die mit ihrer Leiterin Birke Buchhorn-Licht für die Organisation verantwortlich waren. 150 Sängerinnen und Sänger aus fünf Inselchören hatten sich an diesem Abend vorbereitet, um internationales, deutsches, plattdeutsches und friesisches Liedgut zu präsentieren: Der Gemischte Chor Nieblum (Leitung Monika Reincke), der Männergesangverein Concordia (Leitung Martin Bruchwitz), der Gospelchor Unföhrgettable (Leitung Andrea Arfsten), der Männergesangverein Föhr-West (Leitung Roluf Hennig) sowie die „Feer Ladies“ selbst. 

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