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SEENOTRETTER

 

Traditionen:
 
Sitten, Sagen und Bräuche als zeitlose Zeichen für Heimat und Gemeinschaft

 
 

"Hartelk welkimen üüb Feer!"

 

So heißen die Insulaner ihre Gäste auf der Insel Föhr willkommen! Denn auf Föhr ist die friesische Seele noch so lebendig wie vor 100 Jahren. Viele Insulaner sprechen bis heute neben Hochdeutsch auch Plattdeutsch sowie Fering – das Föhrer Friesisch. Söleraanj, Olersem oder Bualigsem sind die friesischen Namen dreier Inseldörfer, die man auf den Ortsschildern und -steinen neben den hochdeutschen Bezeichnungen entdecken kann. 

 
 

Zwischen Tradition und Moderne - Eine Insel, drei Sprachen: So vielfältig ist Föhr. Ebenso vielfältig wie die friesische Sprache sind auch die Traditionen der Föhrer, die ihr Brauchtum und insbesondere ihre Föhringer Tracht bis heute mit Leidenschaft leben. Wenn man das Brauchtum liebt und Lust hat, das echte Nordfriesland mit all seinen Besonderheiten und Bräuchen kennenzulernen, wird man von der Nordseeinsel Föhr begeistert sein. Friesische Traditionen vom Biikebrennen im Februar, den Ringreiterturnieren in den Sommermonaten bis hin zu uralten Weihnachts- und Silvesterbräuchen. Friesische Tradition ganz modern – Föhr macht es möglich! 

Die Föhrer Tracht

Das traditionelle Brauchtum wird auf Föhr überaus gepflegt und an die nächsten Generationen weitergegeben. Die Friesinnen in ihren Festtags-Trachten zeigen sich noch heute als Botschafterinnen ihrer Heimat.

 
Das traditionelle Brauchtum wird auf Föhr überaus gepflegt und an die nächsten Generationen weitergegeben. Die Friesinnen in ihren Festtags-Trachten zeigen sich noch heute als Botschafterinnen ihrer Heimat.
Traditionell tragen die Mädchen gern die Friesentracht bei der Konfirmation.
 

Die Föhrer Tracht besteht aus

  • einer zarten weißen Spitzenschürze, die aus Batist genäht und mit Lochstickereien versehen ist,
  • einem knöchellangen Rock mit Mieder und Ärmeln (der Rock ist 3,5 bis 4 m weit, aus englischem Tuch, wird in Handarbeit an das Mieder genäht und im Rückenteil in 60 Falten gelegt),
  • einem Halstuch (das Halstuch ist ein Dreieckstuch mit schwarzen Fransen und wird mit 60 bis 70 Knopfnadeln an das Mieder festgesteckt).
  • Filigran-Silberschmuck (der Schmuck ist aus reinem Silber und war ein Zeichen des Wohlstandes, auf dem Amulett in der Mitte der Gliederkette sind die Symbole KREUZ - HERZ - ANKER zu erkennen, was GLAUBE - HOFFNUNG - LIEBE bedeutet),
  • einem Kopftuch (an der Stirnseite des Kopftuches ist eine Bordüre mit Blumenmustern eingestickt und seitlich befinden sich schwarze lange Fransen, unter dem Kopftuch tragen die verheirateten Frauen ein rotes Häubchen, das mit schwarzen Perlen bestickt ist),
  • einem Silberhals- und Armband,
  • einem Fingerring sowie
  • aus am Kopftuch befestigten kleinen Nadeln mit Filigranknöpfen.

Die Tracht wird von einer Generation zur anderen weiter gegeben. Sie hat einen beachtlichen Wert von ca. 5.000,00 €. Die Föhrer Tracht ist nach 1800 entstanden und wird auch noch heute vielfach zu Hochzeiten, anderen Familienfesten, Heimatfesten, Treffen mit anderen Trachtengruppen oder auch für Touristen getragen. Fast alle Mädchen lassen sich heute noch in ihrer Tracht konfirmieren. Das Anlegen der Festtagstracht erfordert viel Zeit und ist allein nicht zu bewältigen. Anders als z.B. in Süddeutschland gibt es Trachten für Männer nicht. 

 
 

2012 kürte der Deutsche Trachtenverband die Föhringer Tracht aufgrund ihres bis heute erhaltenden identitätsstiftenden Charakters zur „Tracht des Jahres“. Die „Tracht des Jahres“ repräsentiert ihren Herkunftsort und dessen regionale Besonderheiten bei allen Ereignissen des Deutschen Trachtenverbandes. Und mit der Föhrer Tracht ist so auch ein Stück Schleswig-Holstein in der ganzen Bundesrepublik vertreten.

Ringreiten – fast ein Föhrer Nationalsport –, der Schafsauftrieb "ütj to köögin", der Pfingstausflug mit grün geschmücktem Wagen ("ütj to keeren"), die "Hualewjonken" (eine traditionelle Vereinigung unverheirateter Männer unter 30 Jahren), das Biiken oder Biikebrennen – Föhr bietet zahlreiche spannende und originelle Überlieferungen.

"Tjen di biiki ön"

Das Biikebrennen, der »Nationalfeiertag« der Friesen, wie dieses Fest auch genannt wird, findet stets am 21. Februar, am Abend vor dem Petritag statt. Dann lodern auf den nordfriesischen Inseln, den Halligen und an der Küste des nordfriesischen Festlands wieder die Feuer.
Entstanden ist es aus Fastnachtsbräuchen, die hier und da auch mit Schabernack zusammengingen. Viele erinnern sich noch heute an das ungeschriebene Gesetz, dass Kinder und Jugendliche an diesem Abend Narrenfreiheit hatten und sich Dinge herausnehmen durften, die ihre Eltern sonst niemals zugelassen hätten. Mit Wotan und germanischen Feuerkulten, wie mancherorts zu hören, hat dies übrigens rein gar nichts zu tun. Eher mit Napoleon, aber das ist eine andere Geschichte.
So wie Biike heute begangen wird, gibt es den Brauch erst seit einigen Jahrzehnten: Am Abend des 21. Februar werden in ganz Nordfriesland die Biiken entzündet, große Reisighaufen, an denen sich viele Menschen versammeln. Auch wenn an den Feuern neben Friesisch auch immer mehr Platt- und Hochdeutsch gesprochen wird, so steht Biike wie kein anderer Brauch für das Nordfriesische, für ein Zusammengehörigkeitsgefühl, in dem sich viele wiederfinden. Als 2021 die meisten großen Feuer abgesagt wurden, entzündeten viele Friesinnen und Friesen ihre eigene Biike im Hof oder Garten – und schwärmten hinterher davon, dass diese Art zu feiern ja viel mehr das eigentliche Biike wäre.
Und nicht nur die Einheimischen freuen sich darauf. Auf Föhr konnte man in Bezug auf das Biiken in den vergangenen Jahren wegen der steigenden Gästezahlen sogar von einer »neuen« Hochsaison mitten im kalten Winter sprechen. Eingefleischte Fans des Biikebrennens lassen sich nicht abschrecken und nehmen gern einen oder zwei Tage Urlaub dafür. Das friesische Wort Biike entstammt wohl der Bezeichnung Bake, womit das Feuermahl oder Seezeichen gemeint ist. Seinen Ursprung hat das Biikebrennen bereits in vorchristlicher Zeit und sollte wohl die germanischen Wintergeister vertreiben. Als Symbol des Winters wird auch heute noch eine Strohpuppe - der Piader (auf Hochdeutsch Peter) - verbrannt. Traditionsgemäß wird der Piader auf Föhr von den Mädchen des ältesten Konfirmationsjahrgangs angefertigt. In Dunsum wird der Piader von den Mädchen sogar versteckt - und die jungen des ältesten Konfirmationsjahrgangs müssen ihn suchen. Erst wenn diese ihn gefunden haben, kann der Biikehaufen angezündet werden. Die bereits zuvor zusammengetragenen Äste, Tannenbäume sowie Treibholz und auch Stroh werden von den Jugendlichen bewacht: Aus Angst davor, jemand könnte ihren Biikehaufen schon vorher anzünden. Dann, am 21. Februar, sind alle auf den Beinen, um zu einem der insgesamt 14 Biikefeuer auf Föhr zu pilgern. In Wyk und in Utersum geschieht das in Fackelzügen - die Kinder immer vorweg. Vor oder auch nach den Feuern geht es in die Gastronomie zum deftigen Biikeschmaus. Traditionell handelt es sich dabei um ein Grünkohlessen mit Kasseler, Kochwurst und geräucherter Schweinebacke. Dazu gehören Bratkartoffeln, die süßen Kartoffeln und die hier auf der Insel so heiß geliebte weiße Sauce. 
Biikenbrennen

Trinj am Feer – „Rundföhr“

"Rund um den Henninger Turm" und "um die Welt in 80 Tagen", das kann jeder, aber rund um Föhr, das ist die ultimative Herausforderung. Es ist bereits Tradition: An Himmelfahrt ist die ganze Insel auf den Beinen, die Insulaner gehen »Rund-Föhr«. Schon ganz früh morgens machen sich Alt und Jung mit Proviant auf den Weg um die Insel zu umrunden.  37 km sind zu bewältigen, davon 22 km über den Deich. Westwärts oder ostwärts, links- oder rechtsherum, ganz nach Belieben. Der Weg führt über den Deich am Kliff entlang, über Strand und Straße. Wer´s nicht schafft, kehrt auf halbem Weg um und fährt mit dem Bus wieder nach Hause. In ihrer Rad- und Aktivwoche »Föhr bewegt«, die 2011 erfolgreich Premiere feierte, hat die Föhr Tourismus GmbH diese Tradition aufgegriffen und integriert. Die Idee für diesen relativ jungen Brauch hatten Föhrer Internatsschüler vom Wyker Südstrand nach dem Zweiten Weltkrieg, als sie erstmals begannen, am Himmelfahrtstag um die Insel zu wandern. Gute Laune und Verpflegung sollte man mitnehmen auf diesen Marsch. Groß und Klein, Alt und Jung machen sich gegenseitig Mut und genießen die Gemeinschaft und die frühlingshafte Natur. Dabei werden immer wieder Pausen eingeschoben. Irgendwo begegnen sich die Gruppen und nicht nur Insulaner sind dabei, sondern auch  immer mehr Feriengäste.

„Eike, poleike, komm heel wedder daal“

Allgemein bekannt ist hierzulande vor allem der Brauch, dass Kinder bunte Ostereier und Süßigkeiten suchen, die vom Osterhasen im Garten versteckt werden. Doch es gibt weitere seltenere Rituale: auf Föhr werden die Eier auch noch in die Luft geworfen, dazu heißt es: „Eike, poleike, komm heel wedder daal“ – auf plattdeutsch wünscht man sich, dass das Ei heil wieder herunterkommen möge.  Auf der Insel werden auch gekochte Eier gegeneinander gestoßen, bis die Eierschale des einen zerbrochen ist: Der andere hat dann das „Pöötjren“ gewonnen.

 

Bei den Mitgliedern der dänischen Minderheit in Südschleswig, nicht so sehr auf Föhr, wird ein weiterer Oster-Brauch traditionell hochgehalten: der sogenannte „Gækkebrev“, also Narrenbrief. Die Briefeschreiberin schickt einen Brief mit eigens gedichteten Versen an Familie, Freunde und Bekannte – aber anonym. Errät der Empfänger nicht, wer ihm den Brief geschrieben hat, muss er ein Schokoladenei schenken; errät er es aber, muss die Schreiberin ihm eins schenken.

De heedewikendai

Nur auf Westerlandföhr wurde der heedewikendai (Heißeweckentag) am Fastnachtssonntag begangen. Kinder weckten am Morgen ihre Eltern mit Reißigruten und lustigen Versen und erhielten dafür ihre Heißewecken. Das handtellergroße Fettgebäck mit Rosinen wurde nur zur Fastnachtszeit gebacken. Am Abend bewirteten die jungen Mädchen ihre Gäste mit Kaffee und heedewiken.

Quelle: https://www.nordfriiskfutuur.eu

Aufsitzen

Zu den ausgestorbenen Sitten auf Föhr und Sylt gehörte das „Aufsitzen“ im Winter, worunter ein abendlicher Besuch beim Nachbarn zu verstehen ist. Die Menschen saßen gemeinsam in der Wohnstube und erzählten sich Geschichten, während die Frauen strickten und die Männer ihre Tabakspfeifen rauchten. Dies hatte auch einen wirtschaftlichen Hintergrund, brauchte doch nur ein Raum beheizt zu werden. Weiter ist überliefert, dass sich die jungen Leute im Winter einmal in der Woche zum Tanz versammelten, ohne Alkohol und „sonstige Ausgelassenheiten“. „Sonst hat man hier keine öffentlichen Lustbarkeiten als bloß am Petritage“, heißt es in der „Beschreibung der Insel Silt“ des Chronisten Jens Booysen (1765–1833).

Quelle: https://www.nordfriiskfutuur.eu

Hualevjunkensdreenger

Zum förmlichen Kennenlernen dienten Höflichkeitsbesuche bei der Familie der Auserwählten. Meistens waren gleich mehrere junge Männer zu Gast. Diese Besuche fanden überwiegend in den dunklen Wintermonaten statt, wenn die Seefahrer auf der Insel weilten. Man nannte sie Hualevjunkensdreenger (Jungs des Halbdunkeln). Auf Föhr war bis etwa zur Mitte des 19. Jahrhunderts das Nachtfreien üblich. Schien sich ein junges Paar dabei näher gekommen zu sein, dann wurde es von den Mitgliedern des Hualewjonken mit Schrotflinten „ausgeschossen“. Diese Sitte ist noch vereinzelt üblich.

Quelle: https://www.nordfriiskfutuur.eu

Umtuten

Bis Ende des 19. Jahrhunderts war in Oevenum das „Umtuten“ noch Brauch. Am Abend vor dem Martinstag zogen mit gewaltigem Lärm die Hirtenjungen durch das Dorf. Sie verkündeten damit das Ende der Hütezeit. Auch Bräuche wie das Pötjsmiten oder die schriftlichen Neujahrsgrüße, die allen Verwandten und Bekannten überbracht wurden, sind nahezu in Vergessenheit geraten.

Quelle: https://www.nordfriiskfutuur.eu

Stellengreifen

Zu Beginn des Kirchenjahres fand das „Stellengreifen“ statt. Pastor, Kirchenvorstand, Kirchendiener und viele Gemeindemitglieder kamen zusammen, um die Kirchenstände für das kommende Jahr zu vermieten. Die Nummern der Kirchenbank-Plätze wurden in einem Beutel gemischt und dann gezogen. Die Männerplätze auf der Empore und in den ersten Bänken wurden versteigert. In der Kirche Sankt Laurentii lebte der Brauch mit Tanz bis etwa 1920, die Verlosung allein gab es noch bis etwa 1940. In der Sankt Johannis-Gemeinde endete das Verlosen um 1900, das damit verbundene Tanzvergnügen erst nach dem Ersten Weltkrieg. Für die Sankt Nicolai-Gemeinde schreibt Otto Mensing (1868–1939) in seinem „Schleswig-Holsteinischen Wörterbuch“: „In Wyk auf Föhr wurden zu Anfang des Kirchenjahres alle Sitzplätze in der Kirche öffentlich an den Meistbietenden vergeben; im Anschluss daran fand im Wirtshaus eine Tanzbelustigung statt.“

Quelle: https://www.nordfriiskfutuur.eu

Ringreiten, Teil des Immateriellen Kulturerbes der UNESCO.

Die schleswig-holsteinische Tradition des Ringreitens ist 

Das Ringreiten sei ein schönes Beispiel für die identitätsstiftende Bedeutung gemeinsamen Erlebens, sagte Prien: Mit dem Ringreiten hat die vierte kulturelle Tradition aus dem Norden Eingang gefunden in das bundesweite Verzeichnis des Immateriellen Kulturerbes. Aus Schleswig-Holstein zählen bereits die "Helgoländer Dampferbörte", das "Biikebrennen" und das "Niederdeutsche Theater" dazu. Der Sport erinnert an die Ritterspiele, bei denen mit Lanzen Ringe aufgespießt wurden. Eine echte Ringreiterkönigin der Insel Föhr ist die 23-jährige Finja Kohn. Seit 2019 ist sie Ringreiterin im Osterlandföhrer Ringreiterverein. Sie erklärt, worum es beim Ringreiten geht: "Das Ziel ist es, die meisten Ringe beim Durchreiten zu stechen - mit einer Lanze. Die ist ungefähr 1,50 bis 1,60 Meter lang. Dann reitet man durch den Galgen." An diesem hänge ein Magnet mit einem Ring dran, so die Reiterin. "Da muss man im Galopp durchreiten und die meisten Ringe bekommen. Dann hat man, wenn man nicht ins Stechen kommt, schon gewonnen", erklärt Kohn. Das sehe so ähnlich aus wie früher die Ritterspiele.

Quelle: www.ndr.de/kultur

Der Föhrer Herbstmarkt

Bei den Insulanern schlicht Jahrmarkt genannt, hat er eine Tradition die sehr weit ins 18. Jahrhundert hineinreicht. Genauer beginnt die Erfolgsgeschichte der „Harfstmarkts bi de Wyk“ im Jahre 1710, am 8. August. In jenem Jahr erhielt Wyk die Marktgerechtigkeit und damit die Erlaubnis zwei Märkte im Jahr zu veranstalten: einen im Frühling und einen im Herbst (nimmt man es genau, so erhielt die Stadt erst rund vier Monate nach dem ersten Markt die offizielle Urkunde). Während ersterer sich nicht so recht durchsetzen mochte, ist der Herbstmarkt bis heute die Attraktion für die Insulaner schlechthin. Bis zu acht Tagen durften die Herbstmärkte von einst andauern. Den feier- und insbesondere trinkfreudigen Besuchern wurde da also eine echte Energieleistung abgefordert, könnte man annehmen. Allerdings ist davon auszugehen, dass das Gelingen der Märkte von einst nicht ausschließlich vom Litermaß des verköstigten Alkohols abhing. Obwohl es auch schon damals den ein oder anderen Zwischenfall gab. So ist etwa im Kirchenbuch von 1778 zu lesen, dass ein 17-Jähriger den Alkoholtod fand, nachdem er mit anderen „unartigen Knaben“ ein unmäßiges Brandweinsaufen auf dem Jahrmarkt veranstaltet hatte. Allein zwei Tage des früheren „Harfstmarkts“ waren für den Viehhandel vorgesehen. Heute gehen allenfalls „Rote Bullen“ in flüssiger und koffeinhaltiger Form als Durchhalte-Hilfe über die Tresen. Ansonsten wurde gehandelt mit allem was man damals so brauchte. Neben Stoffen, Schuhen, Pferdezubehör und allerlei Nützlichem für den Haushalt wurde aber so manches Genussmittel gehandelt. War die bis dahin eingeholte Ernte reichhaltig, so blühte der Handel auf dem Vieh- und Krammarkt, der übrigens lange Jahre in der Großen Straße, auf dem Sandwall oder dem Schulhof stattfand bevor er den jetzigen Bestimmungsort, der Parkplatz am Heymanns-Weg fand. Der wurde im Übrigen kürzlich um einiges vergrößert, womit auch das Angebot der Fahrgeschäfte und Buden steigt. Die Erfolgsgeschichte Föhrer Jahrmarkt ist also noch lange nicht zuende geschrieben. Und weil sich die Insulaner auf dem Jahrmarkt bekanntlich nicht lumpen lassen, kommen auch die Marktbeschicker gerne auf die Insel. Für den Umsatz, den sie in den dreieinhalb Tagen in Wyk machen, müssen sie in Flensburg oder Kiel mindestens eine ganze Woche ihre Fahrgeschäfte oder Buden aufgebaut haben.

Quelle: Üüb Feer 2005

Wochenmärkte gibt es auch heute noch regelmäßig auf den Dörfern

Thamsen

Am 21. Dezember beim Thamsen (der Name kommt vom Apostel Thomas) verstecken Kinder und Jugendliche alles Drehbare, was draußen zu finden ist (Fahrräder, Ackergeräte u.a.). In der germanischen Zeit hatte man die Vorstellung, dass zur Wintersonnenwende alles was drehbar war oder Rad hieß, still stehen sollte. Der 21. Dezember, der Tag des Heiligen Thomas, ist der Tag der Wintersonnenwende. Der Tag mit der längsten Nacht und dem kürzesten Tag hat man seitens der Kirche dem ungläubigen Thomas zugeteilt, weil er an der Auferstehung Christus am längsten gezweifelt hatte. Nach altem Volksglauben mussten in den zwölf letzten Tagen des Jahres alle Dinge, die sich bewegten oder drehbar waren, stille stehen. Denn in dieser Zeit stand auch das Zeitenrad still, bevor es mit neuem Antrieb von Tag zu Tag wieder mehr Licht bringt. Brauch ist es daher, dass die jungen Leute sich den draußen gelassenen Dingen „erbarmen“, sie zu einem Dorfplatz oder in die „Marsch“ bringen um Unheil, Krankheiten und Tod von den Vergesslichen abzuwenden. Vor dieser „Thomasnacht“ also gilt es Ordnung zu schaffen und besagte Dinge ins Haus zu bringen. Ansonsten muss man damit rechnen, dass sie weggeschleppt werden. In der Adventszeit des Jahres 1960, so berichtet der Insel-Bote am Heiligen Abend 2010, "versprach Familie Pinks im Starklef demjenigen einen Eimer Tafeläpfel, der die beim Thamsen verschleppte Gartenpforte zurückbringen konnte".   „Früher haben wir beim Thamsen lustige Streiche gemacht“, erzählt Arfst Jürgen Arfsten. So seien beispielsweise die alten Schüttkopen, mit denen das Vieh von der Weide geholt wird, komplett auseinandergebaut und mit Mist beladen auf dem Dach des Schulhauses wieder aufgebaut worden. Auch seien teilweise von den Brunnen die Deckel abgenommen und zum Schulhaus gebracht worden, berichtet der Alkersumer in "Üüb Feer" 2007. 

Taufe

Nicht nur der Jahreslauf, auch der Lebenslauf der Menschen wurde durch Sitten und Gebräuche geprägt. So wurden in alter Zeit die Kinder bereits am dritten Tag nach der Geburt getauft. Zu groß war die Furcht vor den oterbaankin, die dem Volksglauben zufolge Kinder stahlen und Wechselbälge in die Wiege legten. Zum Schutz legte man Bibeln in die Kinderbetten und stellte gekreuzte scharfe Gegenstände wie offene Scheren oder Messer davor auf. Bis 1864 wurde die Taufe ausschließlich in der Kirche vollzogen. Das bedeutete im Winter, dass die Kinder in einem Körbchen samt einem warmen Stein zur Kirche getragen wurden. Die Mütter sollten auf Sylt ihren ersten Kirchenbesuch nach der Geburt eines Kindes mit überkreuzten Beinen hüpfend zurücklegen, um „die Freudigkeit des glücklich erlebten Kirchgangs“ zu demonstrieren, wie der Chronist Henning Rinken (1777–1862) schrieb. Auch trugen sie zwei verschiedenfarbene Strümpfe, um sich von den anderen Frauen zu unterscheiden. Dieser Brauch soll bis etwa 1650 üblich gewesen sein. Dann bürgerte sich die Haustaufe ein und entwickelte sich zum Familienfest fort. „Ansagen“ hieß ein Brauch, bei dem die Geschwister eines Neugeborenen von Haus zu Haus liefen, um die frohe Botschaft zu verkünden und ein kleines Geschenk entgegenzunehmen. Die Wöchnerinnen – aber auch andere ernsthaft Erkrankte – wurden durch die Dorfgemeinschaft versorgt.

Beerdigung

Nicht selten arteten Hochzeits- und andere Feierlichkeiten aus. Es kam zu Schlägereien bis hin zu Tötungsdelikten wie im Falle des Rantumer Strandvogts Nis Bohn 1694. Die Vorkommnisse wurden selten geahndet, vielmehr, so berichtete Henning Rinken, legte man üblicherweise zuhause sein Totenhemd zurecht, bevor man sich auf eine Feier begab. Fröhlich ging es oft auch auf Beerdigungen zu. Noch um 1800 gehörte es sich, dass die jungen Leute nachts die Leichenwache hielten. Dabei floss jede Menge Bier, und es wurde gelacht und gesungen. Zur gleichen Zeit hatten die beiderseitigen Nachbarn des Verstorbenen die Pflicht, ein Grab auszuheben und nach der Beerdigung auch wieder zuzuwerfen. Der am nächsten wohnende Fuhrmann brachte die Leiche zur Kirche. Bis zur Mitte der 1970er-Jahre war es üblich, den Tod eines Menschen der Nachbarschaft mündlich mitzuteilen. Dies geschah durch Kinder, die von Haus zu Haus liefen. Ab der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts verschwand die Sitte, Leichen zunächst um die Kirche zu tragen, bevor man sie zur Beerdigungsfeier ins Gotteshaus brachte. Noch bis in die 1960er-Jahre wurden die Toten im Haus aufgebahrt. Spiegel, Schränke und Fenster wurden verhängt. Jeder konnte Abschied nehmen. Nach der Aussegnung wurde der Sarg zum Kirchhof gefahren. Die größeren Schulkinder führten den Trauerzug an und sangen Lieder. Gleich hinter dem Leichenwagen gingen die trauernden Frauen in Tracht. Auch gab es „Klageweiber“, wie sie aus Südeuropa bekannt sind. Mancherorts fand erst der Gottesdienst, dann die Beerdigung statt, in anderen Dörfern verhielt es sich umgekehrt.

Hualewjonken Olersem

Das Hualewjonken (wörtlich übersetzt: Halbdunkeln) ist eine Vereinigung konfirmierter und unverheirateter junger Männer, die noch nicht das 30. Lebensjahr vollendet haben. Mit der Verlobung oder dem Erreichen des 30. Lebensjahres scheidet man als Mitglied aus und erlangt die Ehrenmitgliedschaft. Ehrenmitglieder sind bei den Versammlungen gern gesehene Gäste, haben aber kein Stimmrecht mehr bei den Sitzungen. Die Anfänge der Vereinigung stammen mit größter Wahrscheinlichkeit aus der Zeit um 1800 (ca. 1770 bis 1810). Die ersten schriftlichen Aufzeichnungen datieren sich allerdings erst auf den 13. April des Jahres 1881. Aufgrund dessen feiert man heute noch am 13. April den Stiftungstag des Hualewjonken Olersem. Wenn die Föhrer Walfänger im September/Oktober von Ihren Reisen zu den Fanggründen in die Gewässer vor Grönland und Spitzbergen zurück kehrten, trafen sich die unverheirateten jungen Männer, die nicht zu Hause Weib und Herd besaßen, täglich im Dorf. Meist zwischen fünf und sieben Uhr abends, im Halbdunkeln eben, denn Tags über büffelte man mit dem Pastor oder einem alten Kommandeur Navigation und Sternenkunde. Um später eine höhere Position an Bord zu erreichen. Aus diesen doch zwanglosen Zusammenkünften wurde schon bald eine feste Institution und man nannte sie der Tageszeit entsprechend Hualewjonken (Halbdunkeln). 

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Ütj tu kenknin

Der Silvesterbrauch Ütj tu kenknin, (in Wyk: Rummelrotje) hat eine uralte Tradition. Wenn am Silvesterabend die „Kenkner“ in einfallsreichen Kostümierungen und mit individuellem Liederrepertoire um die Häuser ziehen, wünschen sie den Bewohnern der urigen Friesenkaten ein “Fröölek nei juar“. Das „Kenknern“ hat auf der Insel Föhr eine lange Tradition und bietet Besuchern, die Silvester mal auf ungewohnte Art und Weise erleben wollen, ein außergewöhnliches Schauspiel. In anderen Regionen ist dieser Brauch auch als "Rummelpottlaufen" bekannt. Hierbei bilden sich einzelne Gruppen von Kindern, die zusammen ein eingeübtes Stück vortragen oder vorsingen und dafür Leckereien oder auch schon mal etwas Geld einheimsen. Junggebliebene frönen dieser Sitte am späten Abend in der Hoffnung auf ein paar Schnäpse oder Punsch, bevor sie sich zum Tanz im Dorfkrug treffen. In der Dämmerung ziehen sie phantasievoll verkleidet von Haus zu Haus und singen das „Rummelpottlied“:

Rummel, rummel, ruttje, Kriech ik noch en Futtje?

Kriech ik een, blev ik stohn, Kriech ik twee, so will ik gohn.

Kriech ik dree, so wünsch ik Glück, dat de Osche mit de Posche dür de Schosteen flüch.

Dat ole Johr, dat nie Johr, sind de Futtjes noch nicht gor, pros Niejohr, pros Niejohr!

 

Oder man wünscht einfach einen „guten Rutsch“ mit einem kleinen Lied oder einem Gedicht und wird mit Süßigkeiten belohnt. Ein schöner Brauch, schade, wenn er auf Dauer durch „Halloween“ abgelöst werden sollte. Aber man kann ja auch beides machen ...

Über Föhrer Gebräuche zum Altjahrsabend schreibt 2012 Dr. Karin de la Roi-Frey in „Das Föhre Blatt“ – Wir Insulaner: "Scherben bringen Glück! Daran glaubten ganz besonders die Wyker Jungen und schmissen am Altjahrsabend nach altem Brauch allerlei „Pottüg“ vor die Häuser der Wyker. Als das traditionelle „Pottsmieten“ allerdings ausartete und auch Flaschen und Blechdosen vor den Haustüren landeten, kam es zum Verbot. Nur bei „Schofe“/ Sophus Hansen in der Carl-Häberlin-Straße „wor ümmer noch Spijök makt“, erinnerte sich Ferdinand Zacchi (1884-1966) an seine Jugendzeit. „Schofe“ konnte sich nämlich so „gräsig“ aufregen. Seit dem späten Nachmittag liefen die Wyker Kinder schon Rummelpott. Verkleidet zogen sie von Haus zu Haus. „Rummel-, Rummelrotsche, giv mi noch en Fotsche! Givst mi een, so bliev ick stahn, givst me twee, so will ick gahn, givst me dree, so wünsch´ ick Glück, dat de Olsch mit de Bessen ut den Schosteen flücht!“ sangen wir in den 1960er Jahren. Den aus einer getrockneten Schweinsblase gefertigten „Rummelpott“, der durch einen hin- und hergezogenen Reetpinn einen dumpfen, brummenden Rummelton von sich gibt, hatten die Kinder schon lange nicht mehr dabei. Kochtopfdeckel sorgten als Ersatz für den nötigen Lärm, um die bösen Geister abzuschrecken, mit ins neue Jahr zu kommen. Zum Dank für gute Wünsche erhielten wir Mandarinen, Apfelsinen (wenig beliebt) und Naschereien, denen man das Alter manchmal schon ansah, später auch kleine Geldbeträge (sehr beliebt). Die uralte Tradition des „Rummelpott“ hat sich ebenso erhalten wie das „Kenknin“. Oldsum gilt auf Föhr als die Hochburg des traditionellen „Ütj tu Kenknin!“ 2008 sollen fast 25 Gruppen unterwegs gewesen sein, um den Menschen ein gutes neues Jahr zu wünschen. Eigene Lieder und Gedichte sowie fantasievolle Verkleidungen machen die Besuche der „Kenkner“ zu Auftritten mit großem Applaus. Mit einem Schmalzbrot oder einem Schnaps gestärkt, ziehen sie weiter zum nächsten Haus. Wenn in Wyk der Glockenturm 12 Uhr schlägt, ist das alte Jahr vorbei. Das wussten auch die Kinder der Familie Martens und schliefen mit großer Vorfreude auf den kommenden Tag ein. Kaufmann Jon Matthias Martens (1880-1949) erzählte später: „Das Neujahrsfest war für uns Martens-Kinder eine große Sache. Am Tag vorher durften wir bei etwa 20 Verwandten und Bekannten Teller aussetzen, das heißt die Teller hinbringen, die dann nach damaliger Sitte mit Kuchen, einem Bilderbogen ...und einem Geschenk am Neujahrsmorgen mit dem Gruß ›Guten Morgen - Fröhliches Neujahr‹ abgeholt wurden.“ Teller für Teller wurde abgeholt, in ein Tuch geknotet und nach Hause gebracht, wo alles genau angesehen, bestaunt und verglichen wurde. „Wie glücklich waren die Kinder, die viele Stellen hatten“, heißt es über den Neujahrsmorgen."

Jöölboom

Während normalerweise Adventskränze und Tannenbäume Weihnachtsfans in besinnliche Stimmung versetzen, darf für die Föhrer eines ganz klar nicht fehlen: der Jöölboom.  Als alteingesessener Brauch sorgt der Friesenbaum mit seinem Holzgestell und Tannengrün als Ersatz – oder heute auch als Zusatz – zum Adventskranz oder Tannenbaum. Früher waren auf den fast baumlosen nordfriesischen Inseln Tannenbäume stets Mangelware, denn der Transport war sehr kostspielig und nur allzu oft schnitten die kalten Winter die Inselbewohner vom Festland ab. Die Friesenstube wurde daher mit einer baumkargeren Alternative, einem ganz eigenen Weihnachtsbaum geschmückt: dem Jöölboom. Anfang des 20. Jahrhunderts wurden dann erstmalig Weihnachtsbäume auf die nordfriesischen Inseln und Halligen verschifft.

 

Traditionell besteht der Jöölboom aus einem Holzgestell mit 3 Querstreben und 4 roten Kerzen, welche für die vier Adventssonntage stehen. Umrahmt wird das Gestell mit einem Kranz aus Tannenzweigen. Ursprünglich wurde der Jöölboom mit Buchsbaum begrünt und vereint somit Weihnachtsbaum und Adventskranz in einem. Übrigens: Erst seit letzterer in Mode kam, kamen auch beim Jöölboom die Kerzen hinzu. Die ersten ihrer Art waren tatsächlich schlichte Holzgestelle, jedoch mit der traditionellen Dekoration: Dazu gehören auch die charakteristischen Salzteigfiguren, mit denen das Holzgestell ausgeschmückt wird. Am Sockel des Jöölboom steht oft eine Salzteigfigur, die den Baum des Lebens darstellt, neben dem Adam und Eva stehen. Auch eine Mühle oder ein Segelschiff sind möglich oder, wie beim großen Hörnumer Jölboom, eine Bauernfamilie. Die Symbole stehen für die Seefahrt und den schon seit langer Zeit auf den Inseln betriebenen Ackerbau. Darüber werden oft Tiere angebracht, die für bestimmte Eigenschaften des Menschen stehen: Ein Pferd als Symbol für Stärke und Ausdauer, in der Mitte ein Hund für Treue und an der Spitzer ein Hahn als Symbol für Wachsamkeit. Diese als Kenkentüch bekannten Figuren können auch ein Schwein, eine Kuh, ein Schaf oder einen Fisch darstellen.

Jöölboom im Haus Olesen im Heimat-Museum Wyk
Der ursprüngliche Föhrer Weihnachtsbaum wird aus Holz geschnitzt und mit Gebäck und Tierfiguren behängt. Tierfiguren und Gebäck sind mit roter Glasur umrandet.

Weihnachtsmarktstimmung

Seit einigen Jahren kommt in Wyk wieder Weihnachtsmarktstimmung auf. Nach dem alle anderen Bemühungen mit der Zeit scheiterten, etablierte sich der „Weihnachtsmarkt nach Weihnachten“ am Sandwall mehr und mehr. Hier beginnt er sogar schon ein paar Tage vor Weihnachten, die sogenannte „Festmeile auf dem Sandwall“ findet noch vor dem 4. Advent bis zum ersten Sonntag im neuen Jahr statt. Die Besucher erwarten wieder buntes Treiben und Bewirtung an Ständen und Buden. Da gibt es wieder Kartoffelpuffer oder Crepes, Punsch oder Glühwein, Bier oder Champagner, Bratwurst oder Austern, Latte Macchiato oder Hochprozentiges, Pommes oder Thaigerichte, Honiglikör oder Feuerzangenbowle, Gebrannte Mandeln oder Grünkohl. Und jede Menge Modeschmuck, Fotografien, Wollsocken, Kerzen, Pullover, Schals, und manches mehr. Also viele Gelegenheiten, das Mittagessen zu Hause mal ausfallen zu lassen oder sich nach einem gemütlichen Strandspaziergang wieder aufzuwärmen, mit Glühwein oder warmen Socken. Oder einfach bummeln, Freunde treffen, schnacken, Weihnachtsmarktstimmung genießen...

Silvester

Auf Föhr holt man sich am Silvestertag schon mal eine schwarze Nase: In Wyk sind Schornsteinfeger unterwegs. Und es soll nicht nur Glück bringen, einen der Knöpfe der Arbeitstracht zu berühren, der mitgebrachte Ruß soll auch vor Gefahren und Krankheiten schützen. Eine Verkleidung ist ein Muss beim Wyker Silvesterlauf, wenn Dutzende Laufverrückte im gemäßigten Tempo, aber dafür meist lustig verkleidet, gemeinsam quer durch die Stadt joggen. Den Jahreswechsel feiern können Gäste und Insulaner beispielsweise bei der großen Open-Air-Party am Musikpavillon in Wyk. Um Mitternacht startet hier am Strand auch ein großes Feuerwerk. Auch mitgebrachte Böller und Raketen dürfen am Strand und auf den Deichen abgefeuert werden.

Ruhiger geht es vor allem auf den Inseldörfern zu. Echt friesisch wird es nach Angaben der Föhr-Touristiker, wenn am Silvesterabend die selbstgedichteten Lieder der sogenannten Kenkner erklingen. Sie ziehen in Kostümen von Haus zu Haus, wünschen ein „Fröölek nei juar!“ und fordern wärmende Getränke ein.

Jahreswechsel am Südstrand von Wyk

Stadtführerin, Inselkennerin und Autorin Karin Hansen schreibt in einem ihrer zahlreichen Artikel in „Üüb Feer“ über Konfirmanden und die „Flagger“, die Vorkonfirmanden der Insel:

 

"Aber auch die Konfirmanden früher hatten nicht nur Kleidersorgen, sie mussten für diesen großen Tag tüchtig lernen, schon in der Schule wurde „etwas Christentum“ wie es hieß, unterrichtet und dann ging es weiter mit dem Konfirmanden-Unterricht. Im 19. Jahrhundert kam ein halbes Jahr vor der Konfirmation der Probst auf die Insel um die Konfirmanden zu examinieren, wer die Fragen nicht ausreichend beantworten konnte, durfte erst im nachfolgenden Jahr zur Konfirmation gehen. Auch mit der Konfirmandenprüfung vor der versammelten Gemeinde in der Kirche, am Sonntag vor der Konfirmation, galt es eine aufregende Hürde zu nehmen, jeder Konfirmand musste wenigstens eine, vom Pastor gestellte Frage laut und deutlich beantworten. Mit diesem festlichen Tag der Konfirmation ist auf Föhr bis heute eine Tradition verbunden, welche daran erinnert, dass Föhr in früherer Zeit eine Insel der Seefahrer war. Am Abend vor der Konfirmation kommen zum Haus des Konfirmanden „die Flagger“, die Vorkonfirmanden, sie stellen am Haus einen Fahnenmast auf, an welchem am folgenden Tag eine Fahne oder auch Signalflaggen aufgezogen werden. Die Fahnen stammen aus aller Herren Länder und waren oft Mitbringsel der Kapitäne. In Wyk wird das Haus der Konfirmanden mit einer ganzen Fahnenreihe, welche quer über die Straße gespannt wird geschmückt. Am Abend des Konfirmationstages kommen dann die Flagger, holen die Fahnen wieder ein und werden im Haus des Konfirmanden bewirtet. Mit dem Tag der Konfirmation wurden die Konfirmanden als junge Erwachsene angesehen, sie bekamen mehr Freiheiten als in der Kinderzeit, aber auch mehr Pflichten, damit sie sich auf ihre Aufgaben als Erwachsene vorbereiten konnten. Für die Jungen begann aber der Ernst des Lebens in früherer Zeit oft bereits vor der Konfirmation, denn in der Zeit als die meisten Föhrer sich als Seefahrer ihr Brot verdienten, gingen manche Jungen schon als zwölfjährige zur See, dann wurden sie manchmal erst mit 17 oder 18 Jahren, bei besonderen Umständen auch erst als Erwachsene konfirmiert. Oftmals wurde die Konfirmation auch vorgezogen, dann heißt es „fährt zur See“ oder „geht nach Amerika“, diese Jungen wurden allein in der Kirche konfirmiert, hierfür musste „Dispens“, eine besondere Erlaubnis erteilt werden. Unseren heutigen Konfirmanden wünschen wir einen unvergesslichen, schönen und feierlichen Tag der Konfirmation, an den sie in 50 Jahren, bei der „goldenen Konfirmation“ sich gerne erinnern werden."

 

Matthias Boyens, vormals Lehrer und Küster von St. Nicolai ergänzt in seinem Band „Föhrer Erinnerungen“:

"Die Jungen kannten keine Kleidersorgen, denn für Jungen gibt es keine Tracht, heute erscheinen sie nach der aktuellen Mode gekleidet. In den 20ger Jahren gingen alle Knaben am Mittwoch vor Palmarum zu Fuß nach Wyk, um sich einen Hut zu kaufen. (Anmerkung: Palmarum für die evangelische Kirche ist der sechste und letzte Sonntag der Fastenzeit und der Sonntag vor Ostern.)  Oftmals bekamen sie einen abgelegten Konfirmationsanzug von dem älteren Bruder, manche aber auch einen neuen Anzug. Der handgewebte Wollstoff, der bei einem der Föhrer Färber dunkelblau gefärbt worden war, war nicht ganz farbecht und so konnte man erkennen wer einen neuen Anzug bekommen hatte, derjenige hatte nämlich einen blauen Hals und blaue Handgelenke."

 

Bereits vor rund 200 Jahren (1824) beschreibt Friedrich von Warnst in seinem Buch „Die Insel Föhr und das Wilhelminen See-Bad“ Insel, Sitten und Gebräuche. Wer bisher meinte, dass „Fenster(l)n“ eine süddeutsche / österreichische (Un-)Sitte sei, muss sich eines Besseren belehren lassen: Hieß die inzwischen fast bedeutungslos gewordene Art der Brautwerbung hier „Fensterln“ oder „Kiltgang“ (heimliches Stelldichein und nächtlicher Besuch eines jungen Burschen bei einem Mädchen), so sprach man auf der Insel vom „Fenstern“ oder „Nachtfreien“. Obwohl von der reformierten Kirche bekämpft, erfreute sich der „Kiltgang“ großer Beliebtheit. Voreheliche Schwangerschaften gaben den Verlobten die im bäuerlichen Umfeld kaum überschätzbare Gewissheit, dass sie Kinder bekommen konnten, und wurden deshalb relativ nachsichtig behandelt. Freilich riskierten die Frauen damit auch die Schande einer unehelichen Geburt.

 

Fenstern oder Nachtfreien

"Zu den eigenthümlichen Sitten der Bewohner Föhrs gehört unter ändern das Fenstern oder Nachtfreien; das, ohne erachtet strenger Gesetze dagegen, dennoch nicht ganz hat abgeschafft werden können. Mißbräuche und gefährliche Folgen für die bürgerliche Sicherheit hatten, wie aus der Gesetzgebung hervorgeht, zuerst auf Fehmern strenge Verbote dagegen veranlaßt. Eine Verordnung, die spater in dieser Beziehung für Föhr im Mai 1740 erlassen wurde, verbot diese Sitte unter Strafe von 20 Rthlr. oder 8tägigem Gefängniß bei Wasser und Brot, und bestimmte die Ungültigkeit der auf solche Weise geschlossenen Eheversprechungen, selbst wenn Schwangerschaft statt fände. Aber die darüber mit der Statthalterschaft geführte Correspondenz erwähnt ausdrückliche daß zwar die ältere Fehmersche Verordnung Veranlassung gegeben und zum Grunde gelegt worden sei; jedoch für Föhr mehrere Modifikationen billig, und die Localitat und andre Umstände berücksichtigt zu werden verdienten. Eine spatere Deklaration vom 5ten März 1753 erklärte, daß mit den Strafbestimmungen beide Theile gleichmäßig gemeint seyen. Der Hergang bei diesem alten Gebrauch, dem Fenstern oder Nachtfreien ist nun folgender. Abends nach 10 oder 11 Uhr, wenn die Familie sich zu Bette gelegt, gehen die Jünglinge nach den Wohnungen, wo sie erwachsene Mädchen wissen. Dann öffnen sie das Fenster, steigen in die Schlafstube der Mädchen, setzen sich an ihre Betten, und plaudern eine Weile mit denselben. Hier und durch solche Unterhaltung und Gespräche werden Bekanntschaften gemacht; und daß Föhringische Mädchen soll nichts weniger als gleichgültig in ihrem Urtheil seyn über die Art und Weise, wie der junge Mann durch seine Unterhaltung und Rede sie und ihre Neigung zu fesseln versieht. Gefällt ihr der Mann nicht, so verbirgt sie sich tiefer unter der Decke und es ist dies ein Wink für ihn, sich zu entfernen. Alsdann geht er zu einem ändern Hause, wo er sein Glück aufs neue versucht, und oft macht ein solcher Freier in einer Nacht gar viele Besuche und Versuche. Selten macht ein solcher Jünglig einen solchen Besuch allein, sondern, um jeden Verdacht zu vermeiden, in Gesellschaft einer seiner Kameraden; es sey denn, daß er schon in nähere Bekanntschaft gekommen oder gar schon mit dem Mädchen bis zum Eheversprechen gelangt. Viele eheliche Versprechungen werden bei solchen Besuchen gemacht, obgleich das Gesetz dieselben als nicht bindend oder nicht rechtskräftig erklärt hat. Es gehört zu den besondern vorzüglichen Zielsetzungen für einen jungen Mann, unerkannt von ändern Jünglingen beim Fenstern zu bleiben. Die Erfahrung hat gelehrt, daß die Moralität unter dieser Sitte wohl nicht eigentlich leidet; und wie sollte sie es auch mehr thun, als ihr Gefahr droht bei der gewöhnlichen Lebensweise Verlobter und sich Freiender. Dagegen ist es factisch, daß die Aufmerksamkeit der jungen Mannschaft unter sich, die polizeiliche Sicherheit größer, und manchen schläfrigen, wo nicht gar schlafenden Nachtwächter, entbehrlich macht."

 

Hochzeit auf Föhr

"Sucht der Föhringer nicht auf lauten Gelagen und betaubenden Tanzlustbarkeiten die Lebensgefährtin, sondern in nächtlicher Stille und Einsamkeit gleichsam den höheren Werth kennen zu lernen, ohne Gefahr zu laufen sich zu spät, bei vielleicht aller äußern Schönheit, enttäuscht zu sehen, so hat bei ihm auch das Fest bei Begründung seines Hausstandes den mehr anpassenden Charakter einer stillen und gemüthlichen Feier, und die Hochzeiten sind hier nicht, wie in so manchen Gegenden des Vaterlandes, wahre Bachanalien. (Anmerkung: Bacchanalien (von lat. Bacchanalia), die Bacchusfeste im antiken Rom, waren Feierlichkeiten, die oft mit wildester Ausgelassenheit zelebriert wurden.) Selten werden andere als die Eltern und Geschwister des Brautpaars zu den Hochzeiten geladen. Am Hochzeitstage versammeln diese sich gegen Mittag und gehen dann paarweise nach der Kirche, wo die Kopulation vollzogen wird. Mittags werden die Hochzeitsgäste mit einer Mahlzeit und Nachmittags mit Kaffee und Thee, Zwiebacken, Nüssen, Aepfeln und dergleichen mehr bewirthet; zum Abendbrodt wird Thee und Butterbrodt, oder statt Thee Wein gegeben: gegen Mitternacht hat die Feierlichkeit ein Ende. Sehr selten wird bei solcher Veranlassung getanzt."

 

Taufen

"Die Kinder werden auf Föhr allgemein und immer zu Hause getauft; und zwar gewöhnlich nachmittags um 3 Uhr. Wenn Prediger und Gevatter versammelt und die Taufhandlung vollzogen, dann wird mit Kaffee und Wein bewirthet. Nach 2-3 Stunden gehen jene nach Hause, und die Feierlichkeit ist beendet."

 

Begräbnis

"Stirbt jemand in einem Hause, so werden die Nachbaren gebeten, den Toten anzukleiden. Sie kommen zu dieser letzten nachbarlichen Freundesdienstleistung noch am Sterbetage, wo möglich, d.h., wenn der Tod früh oder in der Nacht erfolgt ist; und zwar Männer, wenn der Tote eine Manns- und Weiber, wenn es eine Frauensperson ist. Sie unterhalten sich in  einem Nebenzimmer bei Thee und einer Pfeife Toback, bis die Vorbereitungen vollendet sind, und ihnen wird etwas Branntewein und Zwieback gereicht. Es ist bei diesem Anbiß vor der Leichenlegung gebräuchlich, nichts liegen zu lassen; was Jemand an Zwieback oder trocknen Kuchen nicht genießt, verwahrt er in seinem Taschentuch, und nimmt es mit zu Hause. Nun wird der Tobte bekleidet und in den Sarg gelegt, der bis zum Beerdigungstage, gewöhnlich der nächste Sonntag, offen stehen bleibt. Ist jenes Geschäft beendigt, dann werden die Nachbaren wieder mit Kaffee und Zwieback bewirthet, unterhalten sich ein Stündchen bei einer Pfeife und jeder geht zu Hause. Die Nachbaren machen das Grab, tragen mit Hülfe der im Dorfe wohnenden Männer und Jünglinge zu Grabe und beerdigen, ohne daß ihnen dafür etwas gegeben würde. Ohne Aufwand wird das Leichenbegangniß gehalten. Bekannte und Freunde versammeln sich in und am Sterbehause, wo der Prediger, wenn der Sarg aus dem Hause gekommen, eine kurze Rede hält. Nach der Beerdigung und Leichenpredigt geht jeder zu Hause; nur die nächsten Angehörigen gehen zurück ins Trauerhaus. Bei einem Todesfall zu Wyck beurkundet sich die nähere nationelle Verwandschaft der Halligen-Bewohner und der Wycker Friesen. Bei solchen Fällen kommen, wenn Witterung und die Fluth es nur erlaubt, bie Bewohner der Halligen zahlreich nach Wyck, um zu Grabe zu folgen."

 
Romanisches Granit-Taufbecken der Nieblumer Kirche

(Anmerkung: Das romanische Granit-Taufbecken der Nieblumer Kirche, aus einem Findling herausgearbeitet, ist das älteste Inventarstück der Kirche und wurde um 1200 gearbeitet. Er gehört kunsthistorisch zu den wichtigen Arbeiten der Romanik im norddeutschen und skandinavischen Raum. Die mächtige Kuppa, die Höhlung zur Aufnahme des Taufwassers, sitzt auf einem ovalen, geschrägten Sockelstein. Der Stein ist außen mit zwei Szenen figürlich ausgeführt: Ein Ritter greift ein Mischwesen, halb Löwe, halb Schlange an, das seinerseits einen Menschen, der sich an einem Baum festklammert, bereits zur Hälfte verschlungen hat. Auf der gegenüberliegenden Seite des Steins fallen zwei Löwen über einen Menschen her, der wiederum auf einem Ungeheuer sitzt. Gegenstand beider Darstellungen ist der Kampf des Guten und des Bösen um die Menschenseele. Der Lebensbaum und der Ritter symbolisieren die Mächte des Guten, die diesen Kampf nur mit Hilfe der Taufe auf den dreieinigen Gott zu einem siegreichen Ende bringen können. Die archaische Symbolik, verbunden mit der kunstvollen Darstellung auf knapp bemessenem Raum der Oberfläche des Taufsteins, wird einen bleibenden Eindruck nicht nur auf zeitgenössische Gottesdienstbesucher haben.)

Barocke italienische Mamortaufe von 1752

(Anmerkung: Kapitän Rörd Früdden - R. F. - aus Klintum ließ die barocke Marmortaufe 1752 in der Hafenstadt Livorno von einem italienischen Steinmetz herstellen und stiftete sie der St. Laurentii-Kirche. Die zwiebelförmige Kuppa ruht auf einem profilierten Schaft, dessen Mitte ein umgekehrter Pyramidenstumpf mit der Inschrift R. F. 1752 einnimmt.) 

"Sprechender Grabstein" auf dem Föhrer Kirchhof
 

Bautradition: Insel der weichen Dächer

Nirgendwo gibt es mehr reetgedeckte Häuser an der Deutschen Küste als auf Föhr. Reetdachhäuser gehören zum Landschaftsbild wie das Meer, die Dünen und die Leuchttürme.  Das Reetdach ist umweltfreundlich und dämmt besonders gut.

 

Reetdächer haben eine lange Tradition und wurden bereits zu Zeiten verwendet, als die Menschen anfingen sesshaft zu werden. Das für die Dächer verwendete Schilfrohr wächst an langsam fließenden oder stehenden Gewässern und ist besonders widerstandsfähig. Die dem Schilf eigenen Merkmale wie die wasserabweisende Struktur und die große Stabilität machen es zu einem idealen Werkstoff. Aufgrund des häufigen Vorkommens im gewässerreichen Norden wurde Reet dort bereits früh als Material zum Dachdecken genutzt. 

Schilfrohr als Bedachung bringt viele Vorteile mit sich. So ist das verwendete Material als natürlich wachsender Rohstoff eine umweltfreundliche Alternative zu herkömmlichen Bedachungen mit einer optimalen Energiebilanz. Ein professionell angelegtes Reetdach schützt das Haus zudem vor jedem Wettereinfluss. Das Schilf sorgt durch seine besondere Struktur für einen schnellen Ablauf von Regenwasser und eine gute Wärmedämmung im Winter. Im Sommer überzeugt das Reetdach durch Klimaregulierung, indem es Feuchtigkeit aus dem Haus nach außen leitet. Die Natürlichkeit der verwendeten Materialien macht ein Haus mit Reetdach zu einem biologisch wertvollen Gebäude.

 

Reetdächer haben vor allem eine große traditionelle Bedeutung und sind ein Kulturgut des deutschen Nordens. In den europäischen Küstenregionen prägt diese beliebte Bedachung das unverwechselbare Landschaftsbild. Einige Landkreise schreiben sogar eine Bedachung mit Schilf vor und genehmigen nur in Ausnahmefällen Ziegeldächer. Als wichtiger Wirtschaftszweig mit vielen Handwerksbetrieben, die sich ausschließlich auf das Anlegen und die Reparatur von Reetdächern spezialisiert haben, ist das Schilfrohr ein bedeutender Baustoff.

Sagen und alte Geschichten

Die Sagen der Insel Föhr geben einen lebendigen Eindruck der ursprünglichen Kultur und des Brauchtums der Föhrer. Die Geschichten spielen an der Nahtstelle zwischen Heidentum und Christentum. Sie weisen auch auf eine eigene Spiritualität der alten Friesen, denn es geht um ihre Götter und um Odderbaantjes, Puken, Roggfladders und andere Wesen, die wir heute unter dem Begriff Naturgeister zusammenfassen. Viele Denkmäler der alten Föhrer Kultur sind verschwunden. Durch die Sagen zur Geschichte und Geographie der Insel erfährt man etwas über die Lembecksburg, über den Kampf gegen und mit den Dänen, über Auseinandersetzungen bei der Ablösung des Katholizismus durch die Reformation und manche Lästerei über die Föhrer von Seiten der Amrumer und Sylter. Die Hexensagen berühren ein dunkles Kapitel der Geschichte. - Die Föhrer sind ein eigener Menschenschlag, der sich in seiner Eigenart nicht gleich jedem offenbart. Die Sagen verraten ein wenig davon, und es lohnt sich, auf Föhr nicht nur den Hauptstraßen zu folgen, sondern auch die kleinen entlegenen Winkel aufzusuchen, die von den einzelnen Sagen berührt werden, und ihnen eine Weile zu folgen.

Die grüne Wiege

 

In so manch einer der alteingesessenen Wyker Familien gibt es von Generation zu Generation weitergegebene Geschichten über besondere Ereignisse im Leben der vorhergegangenen Familienmitglieder. Nicht immer stimmen diese Geschichten mit den tatsächlichen Begebenheiten überein und manchmal ist das Ergebnis überraschend, wenn man genau nachforscht und zum Ursprung dieser Geschichten vordringt. So wird in Wyk z.B. seit über hundert Jahren die Geschichte von der „grünen Wiege“ erzählt, welche von einem Familienmitglied aus der vierten Generation wie nachfolgend niedergeschrieben wurde.

Föhrer Wiegen aus dem Friesenmuseum

 „Am Tage nach der schrecklichen Flut vom 3./4. Februar 1825 wurde unter den anderen Trümmern die an den Föhrer Strand getrieben, auch eine grüne Wiege geborgen, in deren nassen Bettzeug zwei noch lebende Kinder lagen, gut verschnürt. Es waren zwei Knaben. Die Eltern werden umgekommen sein, vielleicht werden andere Angehörige nicht in der Lage gewesen sein, die kleinen Kinder aufzunehmen. Jedenfalls sind sie in Pflege gekommen zur Erziehung bei Peter Friedrich Lorenzen und Frau Brigitte, die damals noch kinderlos waren, ihr einziger Sohn Friedrich Christian Lorenzen wurde erst drei Jahre später, 1828 geboren. Die beiden Knaben hießen Karsten und Hinrich und sind nach der Konfirmation zur See gekommen. Soviel sich die Enkelin des Ehepaares erinnern kann, sind es keine dankbaren Kinder gewesen, sie haben nichts wieder von sich hören lassen. – Man muss die damalige harte Zeit bedenken und die schlechte Verkehrsmöglichkeit. Nach vielen Jahren, der Sohn Friedrich Christian Lorenzen war schon Schiffbaumeister und Werftbesitzer, wurde er nach Hallig Hooge gerufen um ein dort gestrandetes Schiff abzubringen. In dem Schiffer und Eigner des Ewers fand er nach so langer Zeit seinen einen Pflegebruder wieder, einen der damals angetriebenen Halligkinder! Derselbe war in Husum ansässig geworden. In der „grünen Wiege“ lagen später, nach dem einzigen Sohn dessen neun Kinder, die zehn Kinder dessen Tochter Brigitte und sieben Kinder des Sohnes Friedrich Christian Lorenzen. Die Wiege ist gezeichnet mit den Buchstaben F. C. L. 1825 “.

 

Peter Friedrich Lorenzen war Kaufmann, er kam aus Klanxbüll, ließ sich in Wyk nieder und heiratete 1814 seine Cousine Brigitte Lorenzen. Die Ehe war 14 Jahre kinderlos. 1825 nahmen sie zwei Pflegekinder in ihrem Hause auf, Hinrich und Carsten Hinrichsen. Drei Jahre danach wurde ihr erstes und einziges Kind Friedrich Christian Lorenzen geboren. Mit diesen beiden Pflegekindern verband die Eheleute Lorenzen allerdings bereits etwas: Peter Friedrich Lorenzen war nämlich Pate bei Hinrich Peter Hinrichsen der 1817 als ältester Sohn geboren wurde und Carsten Hinrichsen als 4. Kind wurde 1825 geboren. Die Eltern waren Karsten Hinrichsen und Catharina Hansen, diese hatten sieben Kinder und es war in der damaligen Zeit nicht ungewöhnlich, dass man Kinder in eine andere Familie in Pflege gab, auch in diesem Fall war es keineswegs so, dass die Eltern aus Not diesen Weg gingen, diese Familie gehörte in der damaligen Zeit zu den gut gestellten Familien in Wyk. Wie sollte es auch möglich sein, dass eine Wiege mit zwei lebenden Kindern, trotz der Wellen in einer tosenden Sturmflut, von einer Hallig bis an den Föhrer Strand verschlagen wurde und diese Kinder lediglich nass wurden?! Wie sollte es möglich sein, dass diese Kinder nirgendwo vermisst wurden? Wie sollte es möglich sein, dass die heute noch existierende Wiege keine Spuren von Salzwasser aufweist?

 

Diese Familiensaga verdeutlicht aber auch die Schrecken welche diese Sturmflut den Menschen brachte, sodass die Geschichte der Pflegekinder mit den Ereignissen dieser Flut umrankt wurde.

 

Quelle: Karin Hansen

Brigitta Lorenzen Lorenzen

19.05.1798 – 23.08.1865
Friedhof Wyk-Boldixum

 

Eltern:

Lorenz Johann Lorenzen 1765–1813

Catharina Dorothea Nickelsen Lorenzen 1769–1813

 

Brüder/Schwestern:

Peter Lorenzen 1804–1881

Nickels Lorenzen 1809–1814

 

 

Peter Friedrich Lorenzen von Wyck

31.05.1791 – 28.11.1858
Friedhof Wyk-Boldixum

 

Kinder:

Friedrich Christian Lorenzen* 1828–1885

Karsten und Hinrich Hansen als Pflegekinder

 

* Friedrich war Kapitän, Reeder und Werftbesitzer in Wyk; er war auch Schiffbauer. Das größte seiner Schiffe war der Englandfahrer "Henriette", benannt nach seiner Frau. "....er fand seinen Tod durch einen Unglücksfall in der Nordsee, wo er mit 2 Söhnen zum Vergnügen hinaus gesegelt war um Fische zu fangen. Während seine Söhne schliefen, ist der Vater über Bord gefallen, erst am Morgen sahen sie, daß er nicht da ist. Am 13.6. ward seine Leiche bei Hoyer gefunden".

 

(Kirchenbuch St Nicolai)


Friedrich war der Schwiegervater von ► O. Nerong, Vater von Friederika Petrea Lorenzen Nerong

 

 

Boldixum 1865

Aus der Föhrer Sagenwelt

 

Schon in der römischen Welt habe es für jedes Gefühl einen Gott oder Geist gegeben. Dass man Dinge, die man nicht erklären kann, gern mit Geistern, Göttern und Dämonen in Verbindung bringt, ist kein Wunder. Ob Hexen oder oterbaankin, alles Protagonisten, um für etwas Nachteiliges Ursachen zu finden. Nehmen wir das Beispiel der oterbaankin, jener kleinen Menschen in roten Jacken und grünen Hosen, die immer ein Messer in der Tasche trugen. Deren Dichte war früher so groß, wie die der Grabhügel auf den Inseln. Und zu jedem gehörte ein Name. Man glaubte damals, dass Tote wiederkehren. Die sieht man nicht. Menschen wollen aber gern was sehen. Also wurden solche kleine Menschen daraus. Die wuselten dann im Leben der Lebenden herum, wiegten Kinder, saßen bei Tisch oder ließen sich von Insel zu Insel fahren. Wobei selbst diese alte, gut bekannte Geschichte der nächtlichen Überfahrt von Föhr nach Amrum ihren Ursprung eben längst nicht zwischen den Inseln hatte. So eine Überfahrt ist im weltlichen Sagenschatz weit verbreitet und findet sich als Seelenwanderung ins Totenreich bereits im alten Ägypten sowie zur Zeit der Gotenkriege um 500 nach Christus. 

 

Oterbaankin - Odderbaantje (Sagengestalt)

Die Oterbaankin, auch Odderbaantjes, sind eine Zwergenart auf der Nordfriesischen Insel Föhr. Sie leben in den Heiden und Hügeln, da sie die Menschen verachten und ärgern. Normalerweise kommen sie nicht mit Menschen in Berührung, da sie nur nachts aus ihren Höhlen herauskommen. Vertreiben kann man sie mit dem Klang einer Glocke, oder einer Trommel. Beschrieben werden sie als klein, mit großem Kopf, langen Armen, und dünnen, krummen Beinen. Sie tragen eine rote Jacke und grüne Hosen und auf dem Kopf eine rote Mütze.

 

Die Oterbaankin galten als den Menschen nicht wohlgesinnt und man glaubte, dass sie unterirdisch und am liebsten in alten Grabhügeln wohnten. Ihre Gestalt stellte man sich klein vor, mit langen und dünnen Armen, krummen Beinen und einem übergroßen Kopf. Sie waren zwar klein, hatten aber viel Kraft und liebten alles, was glitzerte und glänzte. Damit sie freundlich waren, legten die Menschen gern ein Stück Metall oder eine Münze auf einen Grabhügel. Doch wie wurden die bösen Geister erschaffen? Es wird die Geschichte erzählt, dass Christus auf der Erde unterwegs war und in ein Haus kam, wo eine Frau mit fünf schönen und fünf hässlichen Kindern wohnte. Als der Gast ins Haus trat, versteckte sie die fünf hässlichen Kinder im Keller. Der Herr ließ die Kindlein zu sich kommen und freute sich. Er fragte die Frau: „Sind das alle Deine Kinder?“ Sie antwortete: „Ja, mehr habe ich nicht." Christus segnete die Kinder und verwünschte die hässlichen: „Was unten ist, soll unten bleiben, und was oben ist, soll oben bleiben." Dann ging er fort. Als die Frau in den Keller kam, waren ihre hässlichen Kinder verschwunden. Aus ihnen waren die Oterbaankin geworden. Viele Geschichten ranken sich um die Oterbaankin.

 

Hexenverfolgung

 

Die alten Friesen waren seit jeher ein sehr frommes und gottesfürchtiges Volk. Sie vom alten germanischen Glauben zum Christentum zu bekehren, dauerte lange Zeit. Wer letztlich das Christentum auf die friesischen Inseln brachte, ist nicht genau bekannt. Wahrscheinlich verbreitete es sich erst unter der Regierung des Dänenkönigs Knuts des Großen (1016/18-1035). Aber lange noch verehrten die Friesen insgeheim die heidnischen Götter. Manche Bräuche aus uralter Zeit haben sich sogar bis in die Gegenwart erhalten.

Die Macht der Päpste spielte in Friesland kaum eine Rolle. Selbst der Priesterzölibat wurde auf den Inseln nicht verwirklicht: Die Bevölkerung lehnte unverheiratete Priester kategorisch ab. Erstaunlich rasch vollzog sich einige Jahrhunderte später die Einführung der Reformation: Geradezu über Nacht wurden die Föhringer von bedingt eifrigen Katholiken zu überzeugten Protestanten. Wer im Verdacht stand, insgeheim immer noch katholisch zu sein – etwa Heiligenbilder anzubeten oder den Papst zu verehren -, hatte es sehr schwer. Selbst Pastoren gerieten ins Visier übereifriger Lutheraner, was zu Verfolgung und Vertreibung mancher Geistlicher führte. Ebenso unausrottbar wie die häufig geradezu fanatische Frömmigkeit erwies sich auch der Hang zum Aberglauben. Man war sich sicher, dass in jedem Haus die Unterirdischen, die Odderbantjes, das Regiment führten. Fühlten sich diese Geister gestört, rächten sie sich durch vielerlei Schabernack. Der Glaube an die Macht der Hexen trat allerdings erst im 15. und 16. Jahrhundert auf und lag seitdem wie ein Alpdruck auf der Bevölkerung. Man war der festen Überzeugung, bestimmte Frauen stünden mit dem Teufel und mit bösen Geistern in Verbindung und setzten ihre unheilvollen Kräfte zum Schaden ihrer Mitmenschen ein.

Verursacht durch derart irrationale Ängste ereigneten sich auf der Insel Föhr grausame Hexenverfolgungen; auch auf Sylt und Amrum hatten Frauen unter diesem Wahn zu leiden. Selbst der Protestantismus änderte daran nichts. Alte Überlieferungen berichten, dass Hexen besonders zahlreich in den Föhringer Ortschaften Dunsum, Alkersum und Övenum gelebt haben sollen. Der Gegenmittel gab es unzählige - eines absurder als das andere.

 

Auszug aus: 
Das Schleswig‘sche Wattenmeer und die friesischen Inseln von C. P. Hansen 1865:

 

Der Junggesell Boy Wagens ging im Winter 1614 hier bei einem „Hoog“ vorüber, als ihn weibliche Gestalten verfolgten. Gundel Knutzen wurde später in dieser Sache zum Tode verurteilt und am 14. Mai 1614 als Hexe verbrannt.

 

 „Es begab sich im Winter des Jahres 1614, das der Junggesell Boy Wagens bei nachtschlafender Zeit über die Hüde zwischen Duntsum und Süderende ging. Als er an einem Hügel vorüber kam, gewahrte er etliche weibliche Gestalten, so über der Erde schwebeten und ihm immer näher kamen. Als sie ihn umringet hatten, waren es offenbarliche Menschen in Menschengestalten, so er wohl kannte. Sie tanzten, johlten und griffen nach ihm. Die Schlimmste aber war Gundel Knutzen. Da nahm Boy, weil er sich nicht anders wußte zu helfen, sein Messer aus der Tasche, gab Gundel einen Stich und sagte: Ich kenne Euch wohl und will Euch namkundig machen, so Ihr mich nicht alsobald in Frieden lasset. Die Towersche* aber lachte und sagte: Noch einen Stich! Dafür aber hütete sich Boy wohl, da der zweite Stich den ersten würde geheilt haben. Mittlerweile waren sie dem Dorfe nahe gekommen und Boy drohete nochmals, er wolle sie namtkundig machen, wenn sie ihn nicht in Frieden ließen. Da drohete Gundel auch: So Du solches thust, sollst Du eine schlimme Krankheit an den Hals kriegen. Darauf ließen die Hexen ihn gehen. Boy eilete nun nach Hause und sagte seiner Mutter Alles, was ihm passiret war. Er bekam auch bald eine böse Krankheit, erholte sich aber durch Gottes Hülfe wieder und that nun, wie er gedrohet hatte. Denn am 11. Februar 1614 trat Boy Wagens innerhalb der vier Dingstöcke auf dem Kirchhofe vor der Kirchenthür, klagte Gundel Knutzen als eine Towersche an und forderte ihre Bestrafung von dem Hardesgericht. Gundel verlangte durch die Wasserprobe sich zu reinigen, bestand jedoch später nicht darauf und wurde zaghaftig. Da ließ man sie in den Kirchthurm zu St. Laurentii stecken. Am 4. April erschien der ehrbare Marcus Hansen innerhalb beider vier Dingpfähle und brachte eine neue Klage gegen sie vor. Sie sei einst in sein Haus getreten und habe von seiner Tochter einen Trunk Wasser begehret, welches diese ihr aber verweigert. Alsobald habe sie seiner Tochter an den Arm gegriffen, worauf diese gräuliche Wehtage in den Arm gekriegt. Da wandten sich die zwölf Richter oder Rathmänner an das Volk und riefen mehrere Male laut: „Sind hier in diesem Harde drei Männer, noch man twee, noch man einigen Mann, de idt weet effte seggen kann, dat se "unberüchtiget gewesen, oder ock frie iß von Tower, de komme hervor im Dinge und betüge idt vor unß, so willen wy se frien vor ehren Kläger!" Aber es erschien kein Fürsprecher. Da wurde am 14. Mai 1614, nachdem Boy Wagens seine Aussage, daß Gundel Knutzen eine Towersche sei, mit einem Eide bekräftigt hatte, von den 12 Hardesrichtern das Urtheil gefällt: „Dewile nicht ehn Minsch in dem gantzen Harde gewesen iß, de ehr frien konde entwedder mit Breve, Worden edder Bewiß, wunde se sulven ock nicht, derhalven so frien wy ehr ock nicht, sondern wy 12 Männer wy schweren disse Gunbet Knutzen tho enner Towerschen, so ferne uns Gott helpen schall in dat ewige Lewendt"

 

Nickels Bau, Oluf Rowersen, Pop Olofs u.a. alte Leute haben erzählt, daß man sie bald nachher auf der Haide in ein Feuer gestoßen und jämmerlich verbrannt habe; andere sagen aber, solches sei auf der Borgsumburg geschehen.


*(Towersche=Zauberische, Unholdin, Hexe) 

 

 

 

Hundebrot-Berg

Ein Hügelgrab  aus der Bronzezeit dicht bei Utersum trägt den merkwürdigen Namen "Hundebrot-Berg". Auch hier wohnten früher viele Unterirdische; das wusste der Eigentümer des Landes, auf dem der Hügel stand, recht gut. Aber er mochte die Zwerge, verschonte den Hügel und kam mit dem Pflug nicht zu nahe heran. Eines Tages fand er neben dem Hügel ein seltsames Werkzeug liegen, dessen Form nicht verriet, wozu es nützlich sein könne. Der Bauer wusste jedoch, dass es einem Unterirdischen gehörte, und legte einige blinkende Blechstücke daneben, um den Unterirdischen eine Freude zu machen. Nägel und Eisenblech legte er dazu, damit die Zwerge das Gerät reparieren konnten. Denn blitzendes Metall liebten sie über alles. Als der Bauer wenig später mit seinem Gespann vorbeikam, waren Werkzeug und Metall verschwunden. An gleicher Stelle lag jedoch ein kleines Brot, das die Zwerge zum Dank gegeben hatten. Der Bauer zögerte zunächst, nahm das Brot dann aber doch mit. Er wagte indessen nicht, es selber zu essen und gab es seinem Hund. Am nächsten Tag lag auf der gleichen Stelle wieder ein Brot, und so ging es von Tag zu Tag. Der Hund des Bauern wurde feist und stark, und der Hügel hieß von dieser Zeit an Hundebrot-Berg.

 

Der Wechselbalg

An einem heißen Sommertag ging eine junge Witwe mit ihrem Kind aufs Feld, um Korn zu schneiden. Als sie einige Garben geschnitten hatte, stellte sie sie zu einem Dach zusammen und legte dann das Kind darunter, damit es vor der Sonne Schutz hatte. Wie sie dann mit der Arbeit fertig war, wollte sie schnell mit ihrem Kind nach Hause, da Gewitterwolken heraufzogen. Aber plötzlich lagen da zwei Kinder, die sich zum Verwechseln ähnlich sahen. Da wusste sie nicht, welches ihr Kind war. So nahm sie schnell beide mit. Aber sie konnte nicht beide stillen, und daher fragte sie eine alte Nachbarin um Rat. Diese gab ihr den Rat, einen Besen zu nehmen, und die Stube mit dem Stiel auszufegen. Das Kind, das dann als erstes zu sprechen anfängt, ist der Odderbaanki. Die Mutter ging nach Hause und tat, wie man ihr empfohlen hatte. Es dauerte nicht lange, so fing das eine Kind an laut zu lachen und sagte: "Nü san ick al trien trinjtig Juar ual, man so wat haak nich nimmer iar belewet" (Jetzt bin ich schon dreiunddreißig Jahre alt, aber solches habe ich noch nie erlebt". Da wußte die Frau, welches der Odderbaanki war, und brachte ihn schnell dahin zurück, wo sie ihn gefunden hatte.

 

Sikesberg

In Utersum wohnte ein Mann mit dem Namen Jens Sike. Eines Tages fand er in der Nähe eines Grabhügels bei Utersum ein kleines grünes Messer. Es nahm es mit, und versuchte, den Eigentümer zu finden. Eine alte Frau meinte, dass die Unterirdischen solche Messer gebrauchten. Sie meinte dann zu Jens: Bald wird der Zwerg das Messer vermissen und wird versuchen, es Dir abzukaufen. Dann fordere nicht zu wenig, denn der Zwerg kann dir geben, was immer du verlangst. Daraufhin ging Jens zum Hügelgrab und rief: „Jens hat ein Messer gefunden“ Daraufhin tat sich nichts und er ging zurück ins Dorf. Ein paar Tage später kam ein alter Mann vorbei um Scheren, Messer und andere Waren zu verkaufen. Er bot auch Jens seine Sachen an, aber da dieser arm war, lehnte er ab. Der alte Mann gab aber keine Ruhe und fuhr fort, seine Waren anzupreisen. Zuletzt sagte er, dass er auch alte Messer gegen neue umtauschen würde. Nun wusste Jens, dass der Alte ein Unterirdischer war, der auf diese Weise sein grünes Messer zurückbekommen wollte. Jens holte das Messer hervor und lobte es über alle Maßen, so dass der Alte ihm 10 Goldstücke dafür bot, aber Jens lehnte ab. Der Alte steigerte sich immer mehr mit seinen Geboten und schließlich meinte Jens: Wenn ihr nicht die Kunst versteht, daß beim Pflügen aus jeder Furche ein Goldstück springt, so bleibt das Messer mein. Zuletzt gab der Zwerg seine Zustimmung, und er bekam das Messer. Jens hatte es nun sehr eilig, seine Pferde vor den Pflug zu spannen. Und siehe da: In jeder Furche, die der pflügte, lag ein Goldstück. So pflügte er bis zum Dunkelwerden. Gleich am Morgen ging es weiter ohne Rücksicht auf seine Pferde. Er vergaß darüber auch, auszusäen oder zu ernten. Er war kaum im Haus. Wenn er zu Hause war, schloss er sich sein und wühlte in seinem Gold. Mit der Zeit wurde er immer gröber und mürrischer- auch gegen seine eigene Frau. Die Geldgier wurde immer grösser und damit auch der Geiz. Er hatte kaum Zeit zum Essen, wurde immer hinfälliger und brach eines Tages tot hinter dem Pflug zusammen. Als seine Frau das streng behütete Zimmer betrat, fand sie 3 Kisten mit Gold. Da wurde ein neues Haus bebaut und Land gekauft. Das Glück währte nur wenige Jahre. Am Zwergengold haftet kein Segen: Sturmfluten raubten das Land, und Stürme zerstörten das Haus. Nur der Name des Hügelgrabes Sikesberg ist geblieben.

 

Der Balckstein

Der Balckstein liegt heute ca. 1 km nördlich von Dunsum im Wattenmeer, lag aber zur Zeit, als das Christenrum eingeführt wurde, noch auf dem Lande und stand in einem Ort, der Balckum oder ähnlich genannt wurde. Der Ort wurde durch eine Sturmflut völlig zerstört. Nur der große Balckstein blieb erhalten. Zu jener Zeit wohnte in dem Ort ein junger Mann, der vor der Einführung des Christentums und der Zerstörung des Heimatdorfes, die Insel Föhr verlassen hatte, um als Seemann durch die Welt zu reisen. Viele Jahre war er unterwegs, aber eines Tages kam er mit einer Kiste voll Gold und Schmuck auf seine Heimatinsel zurück. Hier fand er eine völlig veränderte Welt vor. Sein Heimatdorf war versunken, und er verstand seine Landsleute nicht mehr, die einen neuen, merkwürdigen Glauben angenommen hatten, und vor Holzfiguren auf die Knie fielen. Voller Trauer wanderte der Junge von Bakckum mit seiner Schatzkiste hinüber zum Balckstein, den er vom Ufer aus im Watt liegen sah. Am Fuße des Steines grub er mit seinen Händen ein Loch, worin er die Kiste versenkte. Dann setzte er sich auf den Stein, und er versank in tiefe, schwermütige Gedanken, bis das Wasser der steigenden Flut ihn Verschlang. Weder den Jüngling noch den Schatz hat man jemals gefunden. Den Balckstein kann man aber immer noch sehen, auch wenn er immer weiter im Watt verschwindet.

 

Die Mischehe

Südwestlich von Hedehusum liegt eine Hügelgruppe, Westerberge genannt. Auch hier waren früher Unterirdische zu Haus. Als einmal an einem heißen Sommertag zwei Mädchen in einem Kornfeld nahe den Hügeln arbeiteten, begann eines von ihnen die Arbeit zu verwünschen und klagte: "Wieviel schöner haben es doch die Zwergenfrauen, die nicht zu tun haben!" Die andere lachte und fragte: "Willst Du nicht einen dieser kleinen Männer heiraten?" „Warum nicht?" gab die Gefragte zurück. "wenn ich nur gute Tage haben würde, so täte ich es." Als dieses Mädchen einige Tage später allein auf dem Feld war, stand plötzlich ein kleines Männchen vor ihm und fragte es, ob es noch zu dem stehe, was es neulich zur Freundin gesagt habe. Das Mädchen bejahte, und der Unterirdische sagte, er möchte es gern zur Gemahlin heimführen. Dass Mädchen nahm den Antrag an und ging mit hinein in den Hügel, wo bald darauf mit großer Pracht eine Hochzeit gefeiert wurde. Die Ehe soll recht glücklich gewesen sein, sogar einige Kinder wurden dem ungleichen Paar geboren.

 

 

Bräuche der Nachbarinseln

Die Adventszeit der Gegenwart ist mit der Vergangenheit nur schwerlich zu vergleichen – andere Zeiten, andere Sitten. Vor dem Advent ging es früher zunächst vor den Altar: Auf Sylt wurden die meisten Hochzeiten in der Woche vor dem Ersten Advent gefeiert. Als Hochzeitstag wurde zumeist der Donnerstag ausgewählt. So traten allein am 25. November des Jahres 1700 gleich 13 Paare in der Keitumer Kirche vor den Traualtar, jeweils zwölf Paare waren es in den beiden Jahren zuvor.

 

Die Adventszeit selbst war ein willkommener Anlass, im Haus rein Schiff zu machen. Dabei wurden dann auch die Fliesenwände, das Messinggeschirr und anderer Hausrat gründlich geputzt, wobei viele dieser Dinge von den Sylter Walfängern aus Holland mitgebracht worden waren. Natürlich wurde auch emsig gebacken – so etwa „Sloifen“ (Schleifen), „Peepernööten“ (braune Pfeffernüsse) oder „Pai“ (Blechkuchen mit Backpflaumen).

 

Fleisch auf dem Teller war auf der Insel Sylt noch bis etwa 1800 die absolute Ausnahme und kam nur gelegentlich auf den Tisch. Diese Ausnahme war zu Beginn des Advents allerdings häufig der Fall. Am Schlachttag wurde dann ein Schwein zerlegt, wobei das Fleisch nicht allein für Weihnachten, sondern auch die kommenden Monate reichen musste. Für den Weihnachtsbraten wurde meist ein besonders schönes Rippenstück ausgesucht.

 

Sehr beliebt wie auch in der übrigen Winterzeit war die Gewohnheit des „Aufsitzens“: Nachbarn besuchten sich gegenseitig ohne Voranmeldung gegenseitig. Dann saß man in der Wohnstube beisammen, erzählte sich im Schein der Öllampen wunderliche Sagen und berichtete von Erlebnissen aus der Seefahrt, während die Frauen strickten und die Männer an ihren Tabakspfeifen sogen.

 

Auf den Fensterbänken der Friesenhäuser leuchteten in späterer Zeit auf den nordfriesischen Inseln die Jöölboome – Weihnachtsbäume nach Sylter Art. Dazu besteckte man einen Holzstiel mit Früchten, Grün und figürlichen Gebilden aus Salzteig. Den Sockel des Jöölbooms bilden Adam und Eva unter dem Baum mit der Schlange, darüber befinden sich ein Pferd, ein Hund und an der Spitze ein Hahn. Jede Figur ist von symbolischer Bedeutung: Adam und Eva mit der Schlange stehen für die Erkenntnis, das Pferd für Kraft, Ausdauer und Schnelligkeit. Der Hund symbolisiert die Treue und der Hahn bezeichnet die Wachsamkeit.

 

Karg war die Adventszeit nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs, denn es mangelte an allem. So wurde Westerlands Bürgermeister im Dezember 1945 von der britischen Besatzungsmacht angewiesen, den Verbrauch von Strom wegen der Kohleknappheit „auf das geringste Maß einzuschränken“. Mit allen Mitteln versuchten die Menschen derweil, sich zusätzliches Brennmaterial für den Ofen zu beschaffen. Ein guter Teil der Kohleladungen auf den Zügen nach Sylt wurde unterwegs gestohlen. Auf der Insel selbst mehrten sich die Holzdiebstähle sprunghaft – Gartenpforten, Fahnenstangen, sogar das Geländer der Westerländer Promenade – sie alle verschwanden über Nacht.

 

Ein Zeitzeuge berichtete später anrührend, wie er 1945 im Advent als neunjähriges Flüchtlingskind von Ostpreußen nach Sylt kam: „Ich war ein Stück Strandgut auf der Insel – ohne Eltern, verstört und hilflos. Meine neue Heimat war eine Baracke in Klappholttal bei Kampen. Alle versuchten, aus den einfachsten Dingen etwas zu fertigen. So zogen wir vor Weihnachten an Wollfäden aus Wachs Kerzen und bastelten aus Dünenhalmen Weihnachtssterne.“

 Quelle: https://www.shz.de

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