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Haus Witten im Wandel der Zeit

Die Wirren des Zweiten Weltkrieges haben auch in Witten massive Spuren hinterlassen. Die Luftangriffe des Jahres 1944/45 legten ca. 80 Prozent der Innenstadt in Schutt und Asche. Was noch übrig blieb, geriet zunehmend in Vergessenheit. Die Menschen hatten Wichtigeres zu tun: Sie mussten für den allgemeinen Wiederaufbau sorgen, für wirtschaftliche Stärkung – da war für Denkmalschutz nur wenig Raum. Erst in den 70er-Jahren besann man sich seiner historischen Güter und sorgte für deren Instandhaltung: darunter auch die Ruine des Hauses Witten (auch Haus Berge genannt) – eines vormaligen Herrensitzes. Dessen Schicksal wurde maßgeblich bestimmt vom Wirken seiner Besitzer: den Adelsfamilien von Witten, von Brempt und von der Recke sowie den Fabrikanten Lohmann.

Der Gutshof ›op dem Berge‹

Gegründet wurde der Herrensitz vom einstigen Gerichtsherrn Franko von Witten (gest. 1469). Dieser erbte das Gelände südlich des damaligen Dorfes Witten – einschließlich der Gerichtsherrenrechte – von seinem Onkel Wennemar und errichtete darauf, vermutlich vor 1450, einen quadratischen Wohnturm, der von Palisaden-Gräben umgeben war. 1479 wurde die Anlage als Gutshof ›op dem Berge‹ erstmals urkundlich erwähnt und von Frankos Sohn Rötger (gest. 1505) weiter ausgebaut. Dieser blieb jedoch ohne männliche Nachkommen, weshalb er 1501 seinen Schwiegersohn Dietrich Stael von Holstein (gest. 1526) von der Burg Hardenstein als Erben bestimmte. Da auch dieser keinen männlichen Nachkommen hervorbrachte, gingen die Herrschafts- Güter und Gerichtsherrenrechte 1510 auf Heinrich von Brempt (gest. 1539) über. Dessen Familie herrschte für die nächsten 132 Jahre.

 

Der Ausbau zur repräsentativen Burganlage

Heinrich von Brempt baute Haus Witten zu einer repräsentativen Burganlage aus. So wurde die Palisadenumwehrung aufgegeben. Stattdessen wurde neben dem vorhandenen Wohnturm ein Bergfried, ein Wirtschaftsgebäude, diverse Stallungen, ein Palas sowie ein Mauerring mit Ecktürmen errichtet. Die von Brempt’sche Linie erlosch mit Lübbert (gest. 1646), der 1628 mangels männlichem Nachkommen die Herrschaft Witten auf seinen Schwiegersohn Gerhard von der Recke vom Hause Scheppen bei Werden übertrug – und dies wenig später bitter bereute. Bis zu seinem Lebensende prozessierte er erfolglos um die Wittener Besitzungen.

 

Plünderung durch spanische Söldner

Und als wäre dies nicht genug: Während der Herrschaftszeit Lübberts von Brempt trafen die Auswirkungen des spanisch-niederländischen Krieges (1568–1609) sowie des 30-jährigen Krieges (1618–1648) Witten – und damit auch Haus Berge – mit voller Wucht. Besonders großen Schaden richteten desertierte spanische Söldnerbanden an. Diese plünderten das Dorf 1599, 1623 quartierten sich spanische Reiter aus dem Heer des Don Philipp de Sylva in Haus Witten ein, 1626 und 1638 folgten erneut Überfälle spanischer Truppen. Noch 1651, im Verlaufe des Jülisch-Klevischen Erbfolgestreites, kam es zu einer teilweisen Zerstörung des Herrensitzes durch versprengte lothringische Truppen.

 

Haus Witten erhält sein barockes Gepräge

Aber auch die Herrschaft der Familie von der Recke währte nicht ewig. Als Gerhard Wennemar – der Enkel von Lübberts verhasstem Schwiegersohn – 1747 ohne männlichen Nachkommen starb, ging Haus Witten nach einigen Rechtsstreitigkeiten an eine Düsseldorfer Nebenlinie, die das Haus verwaltete. Dennoch hatten die von der Reckes großen Einfluss auf die Gestaltung des Anwesens. Sie gaben ihm sein barockes Gepräge, das in Grundzügen bis zum Zweiten Weltkrieg erhalten blieb. So wurde der Innenhof mit hochkantgestellten Sandsteinplatten gepflastert, während der Wohnturm unterkellert wurde. Daneben wurde die alte Burg in eine vierflügelige Anlage umgebaut und der Palas mit dem Wohnturm zu einem Gebäude zusammengefasst. Das Äußere der Anlage wurde durch zwei Ecktürme ergänzt, das gesamte Schloss von einem Wassergraben umgeben. Östlich der Anlage entstand ein großzügiger, mit Skulpturen geschmückter französischer Garten mit einem 1704 vollendeten Orangeriegebäude.

 

Nutzungsänderung durch die Familie Lohmann

Die letzten Gerichtsherren von Witten, die auf Haus Berge residierten, waren Friedrich Johann Wilhelm Freiherr von Ritz und sein Sohn Franz Joseph (gest. 1836). 1788 verpachteten sie das Anwesen mitsamt der umliegenden Ländereien an den Schwelmer Unternehmer Johann Friedrich Lohmann (gest. 1824). Mit dem Ende der Patrimonialherrschaft in Witten erloschen 1809 auch alle zum Haus Berge gehörenden Hoheitsrechte. Das 312 Morgen große Gelände ging daher 1815 endgültig in den Besitz der Familie Lohmann über – für 80.000 Taler. Durch die Familie Lohmann kam es auf Haus Witten zu einer einschneidenden Nutzungsänderung. Anders als seine Vorgänger wohnte der Schwelmer Fabrikant hier nicht nur, er errichtete auf dem Gelände auch eine Stahl- und Feilenfabrik sowie eine Kornbrennerei. 1878/79 wurde das Äußere des Hauses dem damaligen Zeitgeschmack angepasst: Der an der Ruhrstraße gelegene Eckturm erhielt einen ›wehrhaften‹ Zinnenkranz statt eines Daches. Dennoch: Trotz der Umbauten war Haus Witten für die Familie Lohmann nicht mehr als ein repräsentativer Hauptsitz. Die Familienmitglieder zogen es vor, sich neue Wohnsitze zu errichten. So erbaute sich Friedrich Lohmann 1865/66 eine Villa anstelle der ehemaligen Orangerie. Seinen Bruder Ernst Lohmann zog es 1882 nach Herbede. Bis 1939 diente Haus Witten als Produktionsstätte. 1944 ging es in den Besitz der Stadt Witten über.

 

Nach dem Zweiten Weltkrieg

500 Jahre hielt das Herrenhaus den Widrigkeiten der Geschichte stand. Doch der Zweite Weltkrieg änderte alles. Die schweren Luftangriffe am 12. Dezember 1944 sowie am 19. März des Folgejahres verwandelten Haus Witten – beinahe über Nacht – in eine Ruine. Einzig der Turm an der Ruhrstraße blieb erhalten sowie ein Teil des angrenzenden Wohntraktes. Von den übrigen drei Flügeln blieben nur noch die Außenmauern übrig, die nach und nach jedoch teilweise abgetragen werden mussten. Mit der Zeit erwog man, die Reste des Hauses Witten als ›gepflegte Ruine‹ zu erhalten. Zwischen 1975 und 1990 wurden die Mauern der Ruine daher gesichert.

 

Haus Witten heute

1990 machte man sich schließlich an den Wiederaufbau des ehemaligen Herrensitzes. Angedacht war jedoch keine historische Rekonstruktion aus der Vorkriegszeit. Vielmehr sollte sich der Neubau bewusst in Material und Form von der alten Substanz absetzen – da gerade diese Zeugnis einer langen und wechselvollen Geschichte sei. Die Grundsteinlegung für den Neubau erfolgte am 22. November 1992. Innerhalb von vier Jahren wurde die Anlage – unter Wahrung des ehemaligen Grundrisses und der Mauerreste – mit Stahl-, Beton- und Glaselementen wieder errichtet. Heute beherbergt sie unter anderem die städtische Musikschule, die Wittener Integrationsstelle und das Café ›Amadeus‹. Daneben wurde das ›Innenleben‹ zu schmucken Veranstaltungsräumen – wie etwa dem Kino- oder Konzertsaal – umfunktioniert. Wie der Innenhof locken sie alljährlich zu kulturellen Darbietungen aller Art. Mehr noch: Seit 2001 finden regelmäßig standesamtliche Trauungen im besonderen Ambiente von Haus Witten statt.

 

Quelle: StadtMagazin, Artikel von S. 6 in Ausgabe 93 (10/2014)

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