Bismarckdenkmal

Vom Stintfang, der mit Weinreben bepflanzt ist, gelangt man nach Norden an einen markanten  Aussichtspunkt: Das Bismarckdenkmal im Alten Elbpark. Auf der Anhöhe der ehemaligen Bastion Casparus – wie alle Bastionen nach Ratsherren aus dem 17. Jahrhundert benannt – errichtete die Stadt Hamburg bereits 1906 ein monumentales Denkmal zu Ehren des ersten Reichskanzlers. Dies war im Kaiserreich eine gewagte Geste, vor allem weil die Figur nach Westen in das damals dem Kaiserreich zugehörige Altona blickte.

Das Symbol eines zwiespältigen Verhältnisses zwischen dem Reichskanzler und der Freien und Hansestadt Hamburg soll demnächst saniert werden.

Abreißen? Erhalten? Umbauen? Über die Bismarck-Statue in Hamburg wurde viel diskutiert. Jetzt steht fest: Sie wird saniert. Nicht nur statisch betrachtet höchste Zeit!

Bismarck überragt Hamburg, doch die Stadt hat ihn lange kaum beachtet. Nahe der Reeperbahn steht sein Denkmal: Ein Koloss. Allein sein Schwert ist über zehn Meter lang; als wolle er Hamburg beschützen. Dabei hat die Statue selbst kaum noch Halt. Sie driftet auseinander und hat sich vor zehn Jahren fast sechs Zentimeter nach hinten geneigt.

Wie geht die Stadt mit ihrer Erinnerung um? Das Bismarck-Denkmal wirft diese Frage auf. So lange wurde geprüft und überlegt, was mit dem Monument geschehen soll, dass sich die Antwort fast erübrigt hatte. Nun hat die Stadt Fakten geschaffen – und ein Berliner Architekturbüro mit der Planung der Sanierungsmaßnahmen beauftragt, die dann wiederum von einer anderen Firma durchgeführt werden. Die Stadt geht momentan davon aus, dass 2018 mit den Arbeiten begonnen wird. Die dafür nötigen 6,5 Millionen Euro kommen vom Bund.

Im Grunde geschieht dies ein paar Jahrzehnte zu spät. Denn im Fundament unter Bismarcks Statue geht schon seit dem letzten Weltkrieg ein geschichtsträchtiger Raum kaputt, von dem die meisten Hamburger gar nichts wissen. Ein Raum, wie eine Metapher dafür, wie schwer die Last des Nationalismus wiegt:

Die Bismarck-Statue hatte es, statisch betrachtet, immer schwer, weil viele Großes mit ihr vorhatten: Schon der Bildhauer Hugo Lederer baute das Denkmal 1906 zwei Meter höher als erlaubt, wodurch es von Anfang an wacklig war. Noch instabiler wurde es dann im Nationalsozialismus. Im Zweiten Weltkrieg schlug eine Bombe neben Bismarck auf der Plattform ein. Die Nazis hatten 1939 in den Hohlraum unter der Statue einen Luftschutzbunker gebaut. Sie zogen Wände ein, verteilten zusätzlichen Beton an den Decken – und machten das Bauwerk so 2.200 Tonnen schwerer. Es wirken fortan Kräfte ein, die anfangs nicht vorgesehen waren.

Diese Kräfte haben dazu geführt, dass man hier heute einen Helm tragen muss, wo während des Zweiten Weltkrieges Anwohner Schutz suchten. Denn sonst könnten einem wie in einer Tropfsteinhöhle Stalaktiten auf den Kopf fallen. Über Jahre hinweg sickerte Feuchtigkeit in das Gebäude ein. In der Mitte befindet sich ein schmaler kegelförmiger Hohlraum, an dessen Decke über einem großen Reichsadler ein Hakenkreuz prangt, gelb auf blauem Grund. Jede der acht Kammern, die von hier abgehen, ist gestaltet wie ein martialischer Themenraum.

Bis heute ist nicht geklärt, zu welchem Zwecke die aufwändigen Wandmalereien in den Kammern erstellt wurden. Symbole wie ein Sonnenrad, das später zum Nazisymbol, dem Hakenkreuz wurde, Eichenkränze und ein Schwert sind an die Wände gemalt. Dies geschah jedoch nicht, um die Schutzsuchenden zu indoktrinieren, meint der Kunsthistoriker Jörg Schilling. Er vermutet, dass eine religiös-nationale "Pseudo-Gruft" zur Huldigung Bismarcks im NS-System entstehen sollte.

Nach dem Krieg wollte man Bismarck verstecken

Die Niederlage der Deutschen im Krieg verhinderte dies. Doch das Innenleben der Statue zeugt davon, dass ein Krieg über seine Zeit hinaus wirkt. Auch wenn die Bomben Bismarck nicht direkt trafen, zersetzen ihn die Taten der Nazis bis heute.

Dies geschah bislang unbemerkt vor den Augen der Öffentlichkeit. Nach dem Krieg wollte man Bismarck verstecken. 1954 wurden Bäume gepflanzt, um die Sicht auf ihn zu verbergen. Vier Jahrzehnte später ließ man sie dann wieder stutzen, um den Blick auf ihn zuzulassen. Seitdem ist der Umgang mit ihm nahezu unpolitisch. Vor zwei Jahren noch empfahlen die zuständigen Bauprüfer der Stadt, die Bauten mit den Malereien herauszureißen. Doch der Denkmalpfleger der Kulturbehörde, Christoph Schwarzkopf, intervenierte. Er nennt die Wandbilder auf den Betondecken eine ganz wesentliche "Zeitschicht". 

Unweit der Reeperbahn steht das Denkmal mittlerweile seinem Umfeld seltsam entrückt da. Der Neubau der Tanzenden Türme auf der anderen Straßenseite erhält mehr Beachtung. Aufsehen erregte Bismarck zuletzt, als ihm eine Künstlergruppe einen Steinbock auf den Kopf setzte. Doch der ansonsten überwiegend gleichgültige Umgang mit ihm ist gefährlich. Er lädt dazu ein, dass andere, die Bismarck als Gründervater des Deutschen Reichs ideologisieren, die Stille nutzen und laut werden.

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