Pest-Denkmale

Es war eine finstere Epoche. Der Dreißigjährige Krieg (1618–1648) begann als Religionskrieg zwischen Katholiken und Protestanten und war auch ein Konflikt um die politische Vorherrschaft in Europa. Kriegszüge, Plünderungen, Hungersnöte und Seuchen verheerten und entvölkerten weite Teile Deutschlands. Etliche Künstler und Literaten haben die Not der Menschen in der Zeit dieses Krieges in ihren Werken verarbeitet. Der Dichter Julius Sturm schreibt:

 

»Da sah’s im Dorf gar übel aus / die Scheuern leer, kein Brot im Haus; /
Im Stalle weder Pferd noch Kuh, / und vor dem Feind die Furcht dazu.«
 

 

 

◙ Leiberg am nördlichen Rande des Sauerlandes erlebt im August 1635 die dunkelste und traurigste Epoche

Maße des Originalkreuzes ab Sockelstein: Höhe 110 cm, Breite 40 cm, Tiefe 28 cm.

Das Steinkreuz aus Sandstein mit gedrungenem Kreuzstand ist mit seinem etwa 30 cm langen zapfenförmigen Ende im ovalen Sockelstein gleichen Materials verankert; beidseitig unterschiedliche, der Gesamtform angepasste Kreuzform hervorgearbeitet, die jeweils eingetiefte Inschrift zeigt, Vorderseite: ‘ANNO / 1635 / DEN 25. / GUSTI  HAT / UNS GOT  DIE PES / TILENS GE / SANT. WIE / MANGEM / IST BEKA / NT  SINT / VOM  DOR / F LEBERG / 400 MENSCHEN / GESTORBEN / DENEN  GOT DIE / SELIKIT  ERWO / RBEN.  AMEN’

Rückseite:
‘GOTT / ALLEIN / ZU EHREN / HAT’S LUB / BERT SCHU / MAKER + +’ darüber oberhalb des Kreuzes "I H S",  das Christusmonogramm

 

"Unser liebes Dorf Leiberg (1490 gegründet) am nördlichen Rande des Sauerlandes erlebt im August 1635 mitten in den Wirren des 30jährigen Krieges (1618 - 1648) die dunkelste und traurigste Epoche seiner Geschichte. Ein Bettelmönch aus dem Warburger Land schleppt die fürchterlichste Krankheit jener Tage in die beschaulichen Gassen des Bauerndorfs Leiberg:  Der schwarze Tod hält reiche Ernte".

 

"Die Pest, die Pest, die Pest!" schreien verzweifelt die Menschen. Weit unten im Tal unter Das Leiberger Seuchenkreuz aus 1635einer Linde ("Pestlinde") geht Lubbert Schumaker einer traurigen Arbeit nach: Unablässig sind die wuchtigen  Hammerschläge des Sargschreiners zu hören, der auf dem Leichenplatz mehr als 400 Särge zimmert.

 

Die Seuche hält im Sommer 1635 reiche Ernte in den engen Gassen der strohbedeckten Häuser in Leiberg. In ihrer Not beten die Menschen zu ihrem Schöpfer und erflehen ein Ende der Pest. Am Bartholomäusfest (24. August) findet der Notschrei der Gepeinigten Gehör: Das letzte Pestopfer wird fernab des Dorfes auf dem Pestfriedhof einer wüstgefallenen Kapellengemeinde (Fornholte) im Hochwald zu Grabe getragen.  Seit diesen  Tagen feiern die Leiberger Jahr für Jahr bis zum heutigen Tage ausgelassen ihr Bartholomäusfest ("Battelmai"). Und jährlich zu Pfingsten lösen die Leiberger ein jahrhundertealtes Gelübde ein  und führen von der  St. Agatha-Pfarrkirche  eine Prozession zum zweieinhalb Kilometer entfernt liegenden Pestfriedhof in den Wald.

 

Sargschreiner Lubbert Schumaker, der vermutlich auch seine eigene junge Ehefrau einsargen muss,  errichtet zum Gedenken an die Tragödie ein steineres  Kreuz auf dem Pestfriedhof, das in bewegenden Worten vom Unglück in Leiberg berichtet. Das Leiberger Pestkreuz ist eines  der wenigen Seuchenkreuze in Westfalen.

 

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Der Name ‘Schumaker’ kommt nach Mitteilung des Leiberger Pfarrer Jürgens (19. Jh.) bis zum Jahre 1700 im Orte vor, ob es sich dabei um die Stifterfamilie oder eine Steinmetzsippe handelt ist nicht feststellbar.

 

In der Ortsflur gibt es zwei Bildstöcke, die den gleichen Namen tragen jedoch in unterschiedlicher Schreibweise, einer aus dem Jahr 1683 unter der Pestlinde im Unterdorf von Leiberg, wo nach der Volksüberlieferung 1635 die Särge für die Pesttoten gezimmert wurden mit der Inschrift: ‘GOT ZU EHREN DEN MENSCHEN ZUR ANDACHT LUBBERTUS SCHUHMACHER EX STI ... ANNO 1683’ der Ort Leiberg mit Kirchstelle, von der noch Mauerreste erhalten sind, wird bereits im 9. Jh. als ‘Andepen’ genannt.

 

Als im Jahre 1635 die Pest in der Region, damit auch in Leiberg wütete, konnte der damalige, zuständige Pfarrfriedhof in Wünnenberg die Leichenmassen nicht aufnehmen; man suchte nach einem geeigneten Platz um die Toten würdig bestatten zu können und fand ihn in der einstigen Begräbnisstätte des schon damals zur Wüstung gewordenen Ortes Fornholte, die Örtlichkeit des heutigen Pestfriedhofes, sowie der Standort einer abgegangenen Kapelle; auf Order des Fürstbischofs zu Paderborn wurden hier die Pesttoten bestattet; alljährlich das Ziel einer Prozession am Pfingstmontag hinsichtlich der Art des Denkmals sollte unbedingt ein weitaus höheres Alter in Erwägung gezogen werden, dass für diesen Zweck vielleicht aus der Umgebung herbeigeholt und mit Inschrift versehen wurde, damit eine Zweifachverwendung.

◙ Auch in Witten-Bommern und Wetter-Wengern hinterlassen Krieg und Pest ihre Spuren

In Bommern hinter dem evangelischen Friedhof steht an der Straße „Im Brahm“ ein Denkmal für einen Mann, der in dieser schweren Zeit eine prägende Rolle gespielt hat.

 

Die Wittener gehörten der protestantischen Kirche an und wurden von den Streitkräften der Gegenreformation bedroht. Witten lag an einer wichtigen Straße, so dass die Stadt immer wieder von verschiedenen Heeren besetzt wurde. Die Söldner kamen aus anderen Teilen Deutschlands und Europas. Besonders die Menschen in den Vororten und den verstreut liegenden Bauernhöfen hatten unter der mordenden und brandschatzenden Soldateska zu leiden.

 

Als der Krieg allmählich aufhörte, ein Glaubenskrieg zu sein, belagerten im Jahre 1635 die protestantischen Schweden zehn Tage lang die Stadt. Nach der Zwangs-erhebung von Geldbeträgen war Witten völlig verarmt – historische Quellen künden vom Elend, das der Krieg über die Bevölkerung gebracht hatte. Hier ist von den »erschöpften und abgebrannten Einwohnern« die Rede. Besonders die prekäre Situation der Menschen in Bommern ist gut dokumentiert.

 

Das Lebensgefühl war von großer Angst bestimmt – viele Zeitgenossen deuteten den Krieg gar als Zeichen des bevorstehenden Weltunterganges.

 

Das Denkmal erinnert an Johannes Fabricius, der im Jahre 1636 im Alter von 91 Jahren Gottesdienste für seine Gemeinde abhielt. Er war Pfarrer und hatte das Amt längst an seinen Sohn übergeben. Doch der war drei Jahre zuvor von plündernden Söldnern aus Lothringen erschossen worden, als er vom Fenster des Pfarrhauses aus versuchte, mit ihnen zu verhandeln. Also war Johannes Fabricius wieder in den Pfarrdienst zurückgekehrt. Bommern gehörte damals zur Gemeinde Wengern und dort war die Pest ausgebrochen, jene grauenvolle Seuche, die seit dem Mittelalter „Der schwarze Tod“ genannt wurde. Wegen der Ansteckungsgefahr trauten sich die Bommeraner nicht mehr nach Wengern in die Kirche. Also kam Fabricius jeden Sonntag zur Gemeindegrenze in der Deipenbecke und hielt dort, wo heute das Denkmal steht, den Gottesdienst unter freiem Himmel ab. Getrennt durch den Bach hörten auf den sich gegenüberliegenden Hängen Bommeraner und Wengeraner gemeinsam die Worte ihres Pfarrers. Die Pest sollte trotz aller Vorsichtsmaßnahmen bald auch auf Bommern überspringen. Johannes Fabricius’ Dienst an der Gemeinde blieb in Erinnerung: Im Jahre 1843 errichteten ihm die Gemeinden Bommern und Wengern das Denkmal.

 

Es verwitterte in den kommenden Jahrzehnten und versank immer tiefer im weichen Boden der Deipenbecke. 1921 legten ihn die Lehrer Karl Siepmann und Andreas H. Blesken mit ihren Schülern anlässlich eines Wandertages wieder frei. Seit 1925 findet hier alljährlich ein Gedenkgottesdienst für Johannes Fabricius statt, der trotz seines abrahamitischen Alters seiner Gemeinde geistlichen Trost zugesprochen hat. Den Gottesdienst gestalten die Pfarrer aus Bommern und Wengern gemeinsam.

 

Ein Vers aus dem Alten Testament steht in großen Lettern auf der Mauer:

 

»Gedenket an eure Lehrer, die euch das Wort Gottes gesagt haben.
Ihr Ende schauet an und folget ihrem Glauben nach«.


HINWEIS: Sonderaustellung 2020: “Pest” im LWL Museum für Archäologie in Herne

Lange bevor es das Coronavirus gab, haben in Europa ganz andere Krankheiten gewütet. Eine der verheerendsten Pandemien war die Pest. Im Mittelalter fiel ihr ein Drittel der Bevölkerung zum Opfer. Aber auch noch lange darüber hinaus hat sie rund um den Globus Millionen Menschen getötet. Das LWL-Museum für Archäologie in Herne zeigt in einer großen Sonderausstellung die Geschichte des "Schwarzen Todes" und seine Auswirkungen auf die Menschheit.


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