Wenn die Klosterglocke läutet

„Schauen Sie einmal hier oben: Wenn Sie den Kreuzgang betreten, fällt Ihnen sicher sofort diese kleine Glocke ins Auge. Man erzählt sich hier im Kloster Lüne gerne eine fast mystische Geschichte dazu:
 
Diese Glocke, so heißt es, schweige fast das ganze Jahr – sie erklinge nur zweimal im Leben einer Nonne. Einmal bei ihrem Eintritt, als Zeichen ihrer Abkehr von der Welt, und ein letztes Mal bei ihrem Abschied aus dem Leben.
 
Hinter dieser Legende steckt ein tiefer Gedanke: Der Eintritt ins Kloster galt früher als symbolischer Tod für das weltliche Leben und gleichzeitig als Geburt in einer geistlichen Gemeinschaft. Die Glocke markierte also die zwei wichtigsten Schwellen eines Lebensweges.
 
Aber keine Sorge, ganz so still ist es hier heute nicht! In der Realität des modernen Klosterlebens rufen die Glocken im Nonnenchor auch heute noch ganz klassisch dreimal täglich zum Gebet – und das ganz traditionell per Hand. Dennoch hatte diese kleine Glocke hier im Kreuzgang eine ganz praktische, fast stille Funktion: Sie war ein internes Signal. Ohne große Unruhe zu stiften, informierte sie den Konvent über die ganz besonderen, feierlichen Momente – sei es die Aufnahme einer neuen Stiftsdame oder eben das Gedenken an eine Verstorbene. Sie ist also weniger ein Instrument der Stille, sondern vielmehr die Stimme für die großen Wendepunkte im Leben hinter diesen Mauern.“

Aprops Sterblichkeit: Der „Sarggang“ (auch als Sargweg oder Leichengang bezeichnet) im Kloster Lüne ist ein eindrucksvolles Beispiel für die mittelalterliche und frühneuzeitliche Tradition des Memento Mori – die stete Erinnerung an die eigene Sterblichkeit.

 

Es handelt sich um einen schmalen Gang, der direkt von den Zellen der Nonnen (dem Dormitorium) zur Klosterkirche führt. Den Beinamen "Sarggang" erhielt dieser Gang zum einen aufgrund seiner markanten, trapezförmigen Deckenkonstruktion, die in ihrer Form an einen Sarg erinnert. Diese ungewöhnliche Zimmermannskonstruktion ist nicht nur ästhetisch markant, sondern auch ein seltenes Beispiel mittelalterlicher Holzbaukunst.

 

Der Name leitet sich aber zum anderen auch von der Tradition ab, dass verstorbene Nonnen auf diesem letzten Weg in die Kirche getragen wurden, um dort vor der Bestattung aufgebahrt zu werden. Für die lebenden Nonnen war der tägliche Weg durch diesen Gang eine bewusste Übung in Demut. Er sollte sie daran erinnern, dass ihr irdisches Dasein nur eine Vorbereitung auf die Ewigkeit ist. In vielen Klöstern wie Lüne wurden solche Gänge bewusst schlicht oder dunkel gehalten, um den Kontrast zwischen der vergänglichen Welt und dem „Licht“ der Kirche (Gottes Reich) zu betonen.

 

Besucher berichten oft von der eigentümlichen Mischung aus Enge, Ruhe und archaischer Präsenz – ein Raum, der fast körperlich spürbar macht, wie sich klösterlicher Alltag im Mittelalter anfühlte.

 

Im anschließenden südlichen Schlafhaus, der sog. „Uhlenflucht“, öffnen sich gleichermaßen die karg eingerichteten früh entstandenen ►Zellen wie auch diejenigen der sinnenfrohen Zeit des Barock mit reichen Wand- und Deckenbemalungen.