Der Webstuhl im Mühlenhof Münster

"Derjenige bringt Unglück über sein Land, der niemals ein Samenkorn sät,

einen Grundstein legt oder ein Gewand webt,

sich jedoch von der Politik in Besitz nehmen läßt."

 

Khalil Gibran

Das Textilgewerbe zählt historisch zu den bedeutendsten Wirtschaftszweigen. Bis weit ins 19. Jahrhundert hinein prägten Flachs bzw. Leinen und Wolle die Textilproduktion. Am Niederrhein, speziell im heutigen Mönchengladbach, dominierte die Flachsverarbeitung. Eine Ausnahme bildete Krefeld, das sich bedingt durch ein staatliches Monopol zur Seidenstadt entwickelte. Die Textilherstellung erfolgte lange Zeit in Handarbeit in der heimischen Webstube, sei es im Voll- oder Nebenerwerb. Die Produktion war im Verlagssystem organisiert, d.h. die Weber arbeiteten für einen Verleger, der den Vertrieb der Ware übernahm und teilweise auch Rohstoffe und Betriebsmittel zur Verfügung stellte. Zunächst in England, in Deutschland dann ab Anfang des 19. Jahrhunderts ersetzte die Industrialisierung die traditionellen Produktionsmethoden durch mechanisierte und automatisierte Verfahren in den neuen Fabriken.

Der Großteil der ländlichen Bevölkerung im Münsterland konnte von der Landwirtschaft allein nicht leben. Zu klein waren die Acker- und Nutzflächen. Die Menschen mussten sich daher ein Zubrot verdienen. Dieser Nebenerwerb bestand vielfach in der Herstellung von Textilien. Vom angebauten Flachs bis zum gewebten Leinen wurden alle Arbeitsschritte im Haushalt ausgeführt. Mit einem Webstuhl, der fast in jedem Bauernhaus zu finden war, wurde das Endprodukt gefertigt, das entweder selbst genutzt oder verkauft werden konnte. Der hier ausgestellte zweischläfige Webstuhl aus dem 18. Jahrhundert stammt aus dem Haushalt eines Mühlenbesitzers und Landwirts aus Lotte-Wersen (Kreis Steinfurt). Noch nach Ende des Ersten Weltkriegs (1914-1918) wurde an ihm gearbeitet.

Ein Handwebstuhl besteht aus einem Rahmengestell aus dicken, miteinander verzapften Eichenbohlen. In diesem Gestell werden drei bewegliche Walzen, genannt die Bäume, eingehängt: Der Kettbaum, der die noch nicht verwebten Kettfäden bevorratet, der Brustbaum, eine Umlenkrolle vor dem Weber und der Warenbaum, auf dem der fertige Stoff aufgewickelt wird. Zwischen Kettbaum und Brustbaum befinden sich das Fadenkreuz, die Schäfte und die Lade. Die Lade bedient der Weber um den Schussfaden an das bereits fertige Gewebe heranzuführen. Die Schäfte werden mit den beiden Pedalen nach jedem Schuss im Wechsel betätigt. Dies ermöglicht das Anheben beziehungsweise Absenken je einer Hälfte der Kettfäden. Hierdurch wird das Fach gebildet, in das der Weber mittels Einwerfens des Schiffchens den Schussfaden einträgt. Dieser wickelt sich von einer kleinen Spule im Schiffchen durch die Wurfbewegung selbstständig ab. Anschließend nimmt der Weber den Fuß vom Pedal und schlägt die Lade an, um den eingetragenen Faden an das fertige Gewebe heranzuführen. Dieser Vorgang wiederholt sich, wobei der Weber stets die Pedale wechselt und das Schiffchen mal von links, mal von rechts durch das geöffnete Fach wirft und dann die Lade anschlägt. In der Lade befindet sich das Riet, auch Webkamm genannt, der die Fäden der Kette parallel führt und somit ordnet. Jedem Faden ist ein Zwischenraum zugeordnet. Bevor der Kettfaden jedoch durch das Riet passiert wurde, musste er durch die Litze einer der beiden Schäfte gezogen werden. Für das einfachste Gewebe, die sogenannte Leinwandbindung, bedeutet dies, dass in Folge je ein Kettfaden dem vorderen Schaft zugeordnet und der folgende Faden dem hinteren Schaft zugeordnet werden. So ist das gleichmäßige Gewebe der Leinwandbindung gewährleistet. Das Fadenkreuz schreibt diese Ordnung der Kettfäden fest, so dass nach einem Fadenbruch, also dem Riss eines Fadens, die richtige Position des jeweiligen Fadens wieder hergestellt werden kann.