Gedächtniskirche in Witten

Gedenkstätte mit kurzer Lebensdauer

13. Dezember 1892: Es war ein von Sonnenschein erfüllter Tag, als die evangelische Gemeinde Wittens unter großem Prunk und feierlicher Feststimmung ihre neu geweihte Kirche bezog. In schillernden Farben brach sich das Licht durch die große Rose des östlichen Kreuzschiffes und tauchte den Innenraum in einen farbigen Glanz. Doch so glorreich und hoffnungsvoll ihre Geburtsstunde auch war, die Zukunft der Gedächtniskirche sah weniger vielversprechend aus. Das für die Ewigkeit errichtete Gotteshaus überdauerte kaum mehr als ein einzelnes Menschenleben – aus dem heutigen Stadtbild ist es vollkommen verschwunden. Lediglich ein nach der Kirche benannter Platz – gelegen zwischen Markt- und Beethovenstraße – erinnert noch an den majestätischen Sakralbau von einst. In dreierlei Hinsicht sollte er ein Gedächtnis in uns lebendig halten. Doch beginnen wir ganz von vorn …

 

Gotteshaus und Gedächtnisstätte in einem

Die Industrialisierung des Ruhrgebietes ließ die Bevölkerungszahl in Witten in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts geradezu sprunghaft ansteigen. Lebten in Witten im Jahre 1817 gerade einmal 1.534 Menschen, waren es 1864 bereits 10.536, mehr als dreimal so viele Einwohner – nämlich 37.437 – zählte die Stadt im Jahre 1910. Um dieser Entwicklung auch in seelsorgerischer Hinsicht gerecht zu werden – die ›Seelenzahl‹ innerhalb der evangelischen Gemeinde nahm schließlich in gleichem Maße zu –, vergrößerte man den Kirchensaal der damaligen evangelischen Stadtkirche, der Johanniskirche. Als auch dies nicht mehr genügte, fasste die Gemeindevertretung 1887 den einstimmigen Beschluss, eine neue Kirche zu errichten – die Gedächtniskirche. Schön sollte sie sein mit einem Turm höher als die Kirchen der Umgebung. Als ›leuchtendes Wahrzeichen‹ sollte sie weithin über die Berge hinwegschauen und dabei in dreifacher Weise die Erinnerung wachhalten: an die Heilstaten Jesu Christi, an die Reformation und das Haus Hohenzollern. Sie war damit Gotteshaus und Gedächtnisstätte in einem: für die Hohenzollern-Dynastie, für Preußen und den deutschen Nationalstaat.

 

›Mildernde Tonstimmung‹: ja – ›platte Nüchternheit‹: nein

Die Bauarbeiten begannen 1889 auf der Bredde. Das hierfür benötigte Grundstück erwarb die Gemeinde von der Familie Brinkmann. Bereits drei Jahre später, am 13. Dezember 1892, konnte die fertige Kirche eingeweiht werden. Auf einer Grundfläche von 900 Quadratmetern bot sie 1.156 Besuchern im Kirchenschiff und auf den Emporen einen Sitzplatz. 200 Stehplätze kamen in den Gängen hinzu. Als Architekt konnte der Essener Kirchbaumeister Peter Zindel (1841–1902) gewonnen werden, der den Sakralbau in neugotischem Stil über einem kreuzförmigen Grundriss errichten ließ. Um allen Besuchern – ganz gleich von welchem Platz aus – einen freien Blick auf den Altar und die Kanzel zu ermöglichen, bemaß er die Schiffsweite und -höhe im Inneren entsprechend geräumig. So betrug die Gesamtlänge der Kirche 49,50 Meter, das Kreuzschiff maß 25,10 Meter in der Breite. Der Kirchturm reichte 71,50 Meter in die Höhe, und der Abstand zwischen Fußboden und Vierungsgewölbescheitel betrug 18 Meter. Reichhaltig ausgeschmückt wurde die Kirche sowohl von innen wie auch von außen. Als besonders dekorativ galten die Glasmalereien und die Bemalung der Wand- und Gewölbeflächen. Bei Letzterer verzichtete Zindel auf kräftige gesättigte Farben, um, wie aus dem Baubericht hervorgeht, ›eine mildernde Tonstimmung‹ zu erzielen, die ›dem spezifischen Streben der evangelischen Kirche‹ Ausdruck verleihe, ohne dabei in ›platte Nüchternheit zu verfallen‹.

 

Das ehemalige Geläut: eine Meisterleistung der Glockengießerkunst

Besondere Erwähnung gebührt dem einstigen Geläut der Gedächtniskirche, das für seinen harmonisch-kunstvollen Klang landesweit bekannt war. Gefertigt 1892 vom Wittener Glockengießer Walter Munte, bestand es aus vier Bronzeglocken in der Tonfolge as-c-es-as. Die berühmteste und größte von ihnen war die sogenannte ›Drei-Kaiser-Glocke‹ (3.935 Kilogramm), die mit Medaillenbildern und Inschriften von Kaiser Wilhelm I., Kaiser Friedrich III. und Kaiser Wilhelm II. versehen war. Das vierteilige Geläut galt als wahres Kunstwerk und Meisterleistung Walter Muntes – sicher einer der Gründe, weshalb im September 1917 nur die kleinste der Glocken, die sogenannte ›Luther-Glocke‹, als Kriegsmetallspende abgegeben werden musste. Die anderen drei blieben vorerst von der Enteignung verschont. Einige Quellen legen jedoch die Vermutung nahe, dass die Glocken der Gedächtniskirche nur deshalb nicht eingeschmolzen wurden, weil die ›Obrigkeit eine dem Kaiserhaus gewidmete Kirche nicht ihrer Glocken berauben wollte‹. Die Nationalsozialisten hingegen verfuhren weniger zimperlich mit dem eindrucksvollen Geläut. Aus ›kriegswichtigen Gründen‹ beschlagnahmten sie die drei übrig gebliebenen Munte-Glocken, um daraus Waffen für die Front herzustellen. Und weil sie nicht durch die Kirchturmfenster passten, zerschlugen sie sie noch oben auf dem Turm und warfen die Bruchstücke einfach hinunter.

 

Eine Katastrophe folgte der nächsten

Als Stein gewordenes Denkmal sollte die Gedächtniskirche im späten 19. Jahrhundert das ›Bündnis‹ von Monarchie, Nationalismus und evangelischer Kirche für jeden sichtbar vor Augen führen. Wie groß muss daher die Enttäuschung gewesen sein, als sie 1923 – nach gerade einmal 30 Jahren – wegen Bergschäden geschlossen werden musste. Ein Teil des Gewölbes über der Vierung war eingestürzt und hatte das darunterliegende Gestühl unter sich begraben. Personen kamen dabei glücklicherweise nicht zu schaden. Niemand hatte sich zu diesem Zeitpunkt in der Kirche aufgehalten. Doch auch nach der Neueinweihung am 19. Dezember 1926 war das Glück der Kirche nicht länger hold. Gerade einmal 19 Jahre vergingen, dann folgte die nächste Katastrophe: Am 19. März 1945 wurde die Gedächtniskirche – ebenso wie die Johanniskirche – bei einem Bombenangriff auf Witten größtenteils zerstört. Übrig blieben lediglich die Außenmauern des Kirchenschiffes sowie des Kirchturms. Doch im Gegensatz zur Johanniskirche wurde die Gedächtniskirche nicht wiederaufgebaut. Über viele Jahre hinweg gemahnte ihre Ruine an die verheerenden Folgen des Zweiten Weltkrieges, bis man ihr 1967 schließlich mit Abrissbagger und Sprengung endgültig zu Leibe rückte.

 

Geblieben ist von der Gedächtniskirche heute nur noch der ehemalige Baugrund. Seit 1967 trägt dieser den Namen ›Platz der Gedächtniskirche‹. Denn auch wenn das Gotteshaus seiner gedenkenden Funktion nicht sehr lange gerecht werden konnte, so sollte es selbst doch nicht in Vergessenheit geraten.

 

Quelle; Stadtmagazin Witten, Ausgabe 96 (4/2015)

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