Stadtrundgang in Schwarz/Weiß - Ein Besuch in Hattingen

Vor Aufkommen der Farbfotografie hatte das Schwarzweißverfahren keinen Namen, mangels Alternativen sprach man allgemein von Fotografie. Schwarzweißfotografie ist eine besondere Kategorie der Fotografie, bei der die realen Farbhelligkeitsnuancen von Objekten in einem bildgebenden Verfahren in unbunten Grauwertabstufungen, einschließlich der Extremwerte Schwarz und Weiß, auf einem Bildspeicher fixiert werden.

 

Schwarz-Weiß-Fotografie bietet sich u.a. bei der Abbildungen von Fachwerkhäusern und Industriebauten (wie Förder-türmen, Hochöfen, Kohlebunkern, Fabrikhallen, Gasometern, Getreidesilos und komplexen Industrielandschaften) an, da sie die Aussagekraft einer Farbaufnahme auf das Wesentliche reduziert oder Nebensächliches betont. Begleiten Sie mich auf einem Rundgang durch die malerische Hattinger Altstadt mit ihren fast 150 mittelalterlichen Fachwerkhäusern. Hattingen ist ein Ausdruck des Bürgerwillens in der Stadt, der sich in den 1960er Jahren gegen eine Flächensanierung und für die Objektsanierung aussprach. Die verkehrsfreie Fußgängerzone ist eine der ersten in Deutschland. Heute ist der Stadtkern attraktiv und insbesondere belebt. Die Häuser sind begehrte und wertvolle Immobilien.

Altes Rauthaus

Von hier aus wurden einst die Geschicke der mittelalterlichen Stadt Hattingen geleitet. So wie sich das Alte Rathaus heute dem Betrachter zeigt, wurde es allerdings nicht erbaut. Dieses Schmuckstück der Altstadt hat eine wechselvolle Geschichte, die schon vor 1420 als Markthalle für den Verkauf von Fleisch begann. Die Selbstverwaltung der Stadt erforderte schließlich Amtsräume für die Stadtschreiber, den Bürgermeister und die Ratsherren. So erneuerten die Bürger 1576 ihr "raithus" über der Fleischhalle mit zwei Fachwerketagen und hoch aufragenden Spitzgiebeln. Damit waren Markthalle, Verwaltung und Versammlungsstätte unter einem Dach. Ende des 18. Jahrhunderts wurde das Gebäude im klassizistischen Stil modernisiert. Die Spitzgiebel wichen Walmdächern, die Ratshalle erhielt große Fenster, das Fachwerk wurde dem Zeitgeschmack entsprechend verputzt. Die Markthalle wurde auf einen schmalen Durchgang reduziert, rechts und links baute man Gefängniszellen ein. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurde ein Rathausneubau notwendig und das Alte Rathaus frei für die Nutzung als Heimatmuseum. In den 50er Jahren wurden Kriegsschäden beseitigt und das frühere Erscheinungsbild mit seinen 400 Gefachen wieder freigelegt. Seit der 1993 abgeschlossenen Restaurierung befinden sich hier die Städtische Galerie und eine Kleinkunstbühne.

 

Glockenturm der ehemaligen Johanniskirche

Der Glockenturm in Hattingen ist der Kirchturm der ehemaligen Johanniskirche aus dem Jahre 1737. Vor dem Bau der Kirche stand hier das Stadtweinhaus. Kaufverträge und Rentenverträge wurden hier mit Wein besiegelt. Die Reformierte Gemeinde zu Hattneggen und im Amt Blankenstein mietete 1688 den Saal zu gottesdienstlichen Zwecken. Als die Gemeinde das Gebäude erbte, ließ sie es abreißen, um die Johanneskirche zu errichten. Bei einem Luftangriff am 14. März 1945 wurden das Kirchenschiff und die umliegenden Häuser des Krämersdorfs, zumeist dicht zusammenstehende Fachwerkhäuser, durch Sprengbomben zerstört. Nur der Kirchturm mit der barocken Haube konnte restauriert werden. Der Bankier und Unternehmer Leo Gottwald stiftete für ihn ein Glockenspiel. Für das Areal schuf der Stadtbaurat Dr. Ulrich im Jahre 1946 den Entwurf für einen neuen Platz mit einem Komplex mit Ladenlokalen und Arkadengängen. Im Jahre 1952 war die neue Bebauung des Krämersdorfs fertiggestellt.

Bügeleisenhaus

Das 1611 gebaute "Bügeleisen"- Haus beherbergt heute ein Heimatmuseum des Heimatvereins Hattingen-Ruhr e. V. Der Name stammt von seiner auffallenden Form, die wiederum der Lage am Zusammentreffen zweier Gassen geschuldet ist. Das Gebäude hat einen trapezförmigen Grundriss und folgt dem Verlauf zweier Gassen entsprechend auf der südlichen Seite spitz zu. An der breiten Hausseite (Nordseite) stößt es das Haus „Haldenplatz 3“. Die Breite des Hauses beträgt an dieser Stelle 8,00 m, während es zur Südseite hin auf 2,57 m konisch ausläuft. Das breitere Obergeschoss wird von Knaggen gestützt, die an den beiden Traufseiten um 0,80 m auskragen. Die Balken sind teilweise mit Maskenschnitzereien und Voluten verziert. Das Gebäude ließ der Hattinger Bürger Wilhelm Elling im Jahre 1611 errichten. Er war vermutlich Kaufmann. Im Jahre 1620 erfolgte an der Giebelseite ein Anbau. Von 1771 bis 1856 lebten hier Tuchmacher, die auf ihren Handwebstühlen Tuche für Damen- und Herrenbekleidung sowie für Uniformen herstellten. Der letzte Tuchmacher in diesem Haus war Franz Sindern. Im Jahre 1853 erwarb der jüdische Metzger Salomon Schmidt das Haus und ließ es umbauen. Er richtete einen Schlachtraum, eine Wurstküche und einen kleinen Laden im Haus ein. Neben der Haustür wurde ein Ladenfenster im klassizistischen Stil eingebaut, die anderen Fenster wurden vergrößert, die Giebelseite verschiefert, ein Treppenhaus eingebaut und an der Giebelseite ein kleiner Pferdestall angebaut. 1874 übertrugen die Eheleute Schmidt ihrer Tochter Amalie und deren Ehemann, dem Metzger Nathan Cahn, das gesamte Vermögen incl. Gebäude. Deren Nachkommen, Selma und Alfred Abraham , wurden 1941 von den Nationalsozialisten enteignet, deportiert und ermordet. Sie waren die letzten jüdischen Besitzerin des Hauses. Der Heimatverein Hattingen/Ruhr e. V. erwarb das Haus im Jahre 1955 auf Initiative von Heinrich Eversberg und renovierte es in Zusammenarbeit mit dem damaligen Landesdenkmalamt bis 1962, wobei auch das ursprüngliche Aussehen zum Teil wiederhergestellt wurde. Im Jahre 1962 wurde ein heimatkundliches Museum eröffnet, dass nun Exponate zur Ortsgeschichte ausstellt. Das bis 2011 ausschließlich sonntags geöffnete Museum zeigte bisher unter anderem Funde von der Isenburg, wie zum Beispiel Münzen, Keramik, aber auch alte Werkzeuge und Knochen. Die Räume im Obergeschoss befassten sich bis ins Jahr 2011 mit den Hattinger Dichtern und Künstlern Hildegard Schieb, Otto Wohlgemuth und Ferdinand Krüger.

Malerwinkel

In der mittelalterlichen Stadt Hattingen siedelten nicht nur Handwerker und Kaufleute, sondern auch Bauern, die Felder und Wiesen vor den Toren Hattingens besaßen, ihren Hof aber in der Stadt im Schutz der Stadtmauern hatten. Sie wurden als "Ackerbürger" bezeichnet. Das Haus Steinhagen 6-8 ist ein typisches Ackerbürgergehöft und als einziges seiner Art erhalten geblieben. Es wurde 1729 erbaut. Der Wohnbereich lag hier auf der Vorderseite zum Steinhagen, der Wirtschaftsbereich mit den Stallungen war von der Rückseite zugänglich. Hinter dem Gebäude steht noch ein reizvolles, zeitgleich gebautes Speicherhäuschen. Nachdem die landwirtschaftliche Nutzung aufgegeben wurde, diente das Haus als Kupferschmiede, Weißbrotbäckerei und Ledergroßhandlung. Als es wegen der schlechten Bausubstanz einzustürzen drohte, wurde es zwischen 1968 und 1970 saniert. Der heutige "Malerwinkel" mit seinen malerischen Häusern und dem schiefen Turm der St.-Georgs-Kirche ist einer der schönsten Hattinger Ansichten. Die Treppe zwischen den eng stehenden Fachwerkhäusern führt zum Kirchplatz, dem Zentrum der Altstadt.

Kirchplatz

Bis 1813 war der heutige Kirchplatz als Kirchhof Begräbnisstätte für die Hattinger Bürger. Danach wurde der Friedhof aus hygienischen Gründen vor die Stadtmauer verlegt. Einige Grabplatten des alten Kirchhofs um die St.-Georgs-Kirche sind bis heute erhalten. Der geschlossene Ring aus Fachwerkhäusern um den Kirchplatz steht auf ursprünglich kirchlichem Besitz. Als Grundsteuer wurden nicht Geld, Haustiere oder Getreide verlangt, sondern Bienenwachs, das zur Herstellung von Kerzen zur Beleuchtung der Kirche diente. Daher heißen die Häuser am Kirchplatz auch "Wachszinshäuser". Der etwas erhöht liegende Platz ist über 5 schmale, zum Teil überbaute Zugänge erreichbar. Diese Zugänge werden auch "Röster" genannt, weil sie mit Eisenrosten versehen waren, um freilaufende Haustiere, insbesondere Schweine, von Kirchplatz und Friedhof fernzuhalten. Die heutige Zufahrt ist erst durch den Abbruch eines Wohnhauses geschaffen worden.

Einige Gebäude haben besondere historische Bedeutung. Das Gebäude Kirchplatz 15 steht an der Stelle der Hattinger Münze. Im 13. Jahrhundert wurden unter Graf Engelbert von der Mark in Hattingen Münzen geprägt. Kirchplatz 17: Schon um 1400 ist für Hattingen eine Lateinschule belegt. 1584 wurde sie zu einer evangelisch- lutherischen Stadtschule umgewandelt. Das heutige Gebäude Kirchplatz 17 stammt aus dem Jahre 1721. Als die Schule zu klein wurde, baute man nebenan ein neues, größeres Schulgebäude, das Haus Kirchplatz 19. Im November 1824 konnte hier der Unterricht aufgenommen werden. Das Haus Kirchplatz 6-8 beherbergte 330 Jahre lang die Löwenapotheke. Erst 1982 zog die Apotheke zur St.-Georg-Straße um.

"Hattingia" heißt die Marmor-Statue auf dem Kirchplatz. Sie trägt eine fünftorige Mauerkrone auf dem Haupt und das Wappenschild der Stadt zur Seite. In ihren Händen hält sie einen "Immortellenkranz" als Zeichen ihrer Unsterblichkeit. Sie wurde von dem Hildesheimer Bildhauer Küsthardt zur Erinnerung an die Gefallenen des deutsch-französischen Krieges 1870/71 geschaffen und am 5.8.1876 feierlich enthüllt.

St. Georg

Der Vorgängerbau der St.-Georgs-Kirche, vermutlich aus dem 8./9. Jahrhundert, ist die Keimzelle der Siedlung Hattingen. Von dem romanischen Kirchenbau aus dem 13. Jahrhundert ist heute nur noch der Kirchturm erhalten. Das Kirchenschiff wurde nach den Zerstörungen Hattingens 1424 und 1429 als dreischiffige gotische Hallenkirche wiederaufgebaut. Dabei erhielt der Kirchturm seinen gotischen Spitzhelm, der stark nach Südwesten geneigt ist. Die Erklärung dafür liegt in der Baupraxis. Ein Spitzhelm ist windempfindlich. Deshalb wurde er mit leichter Neigung gegen die Hauptwindrichtung gebaut. Außerdem war er stark blitzschlaggefährdet. Wenn ein Blitz den Helm in Brand setzte, gab es keine Möglichkeit, das Feuer in dieser Höhe zu löschen. Der brennende Turm sollte möglichst nicht auf das wertvolle Kirchenschiff fallen, sondern eher auf die leichter wieder aufzubauenden Bürgerhäuser. Im 17. Jahrhundert wurde das Kircheninnere im Sinne des Zeitgeistes barock überformt. 1807-1810 entschloss man sich zur Grundrenovierung der baufällig gewordenen Kirche. Dabei wurden nicht nur die Säulen und Gewölbe der Kirche durch ein Tonnengewölbe ersetzt, sondern auch die gesamte barocke Ausstattung entfernt. Trotz der Vernichtung unersetzlicher kultureller Schätze ist die St.-Georgs-Kirche auch heute noch mit den wenigen Überbleibseln aus romanischer und gotischer Zeit das wichtigste Kulturdenkmal der Stadt Hattingen und stellt mit der sie umgebenden einzigartigen geschlossenen Kirchplatzbebauung ein absolutes Kleinod dar.

Fachwerk - Kontraste

Die Kirchstraße wurde ehemals Kuhgasse genannt. Die niedrigen Türen im hohen Bruchsteinsockel der Kirchplatzhäuser führen in das Kellergeschoss. Viele Hausbesitzer hielten sich hier ein oder zwei Kühe für den Eigenbedarf. Jeden Morgen wurden sie vom städtischen Kuhhirten durch die Kuhgasse auf die Weiden vor der Stadt getrieben. So erhielt die Gasse täglich ihr "natürliches Pflaster". Da machte es nicht viel aus, wenn die Hinterlassenschaften der Tiere durch menschliche ergänzt wurden. Über diesem Schild, direkt über der Stalltür, ist die "Mündung" eines Abtritts erhalten geblieben, der Toilette des Hauses. Im Handbuch der Deutschen Kunstdenkmäler erwähnt Georg Dehio auch Hattingen und "die im Charakter noch völlig erhaltene Kirchstraße, eingeengt von den regellos vorkragenden Geschossen der Fachwerkfronten".

Der geschlossene Straßenzug war von 1972 bis 1987 durch eine Baulücke an dieser Stelle empfindlich gestört. In den Jahren 1986/87 entstand mit dem Haus Kirchstraße 4 ein mittelalterlich proportioniertes, jedoch zeitgemäßes Fachwerkhaus. Wohnräume über 2 Ebenen und große mit Sprossen unterteilte Fenster sorgen für viel Licht. Mit seiner Fachwerkfassade, der Dachform und -neigung passt sich das Haus der historischen Nachbarschaft an. Dieses "Moderne Fachwerkhaus" ist denkmalpflegerisch nicht unumstritten, stellt jedoch einen interessanten Beitrag für eine behutsame Stadterneuerung dar. Bei genauem Hinsehen ist die "Moderne" im Fachwerk durchaus ablesbar.

Der Befestigungsvertrag von 1396 ermöglichte den Bau der ersten Befestigung Hattingens. Sie bestand aus einem "tun-stacket", einem Flechtzaun zwischen Eichenpfosten, dem Stadtgraben und dem Wall aus dem ausgehobenen Material. Die Kirchwege aus den Bauernschaften und die beiden Eingänge der Fernstraße wurden durch fünf Stadttore gesichert. Die Stadtbefestigung gilt als Zeitpunkt der Stadtwerdung. Aus den Hattingern wurden Bewohner einer burgähnlichen Befestigung - Bürger. Der wirtschaftliche Aufschwung - Hattingen war Mitglied des Hansebundes - ermöglichte zwischen 1586 und 1590 eine Erneuerung der Stadtbefestigung in Bruchstein. Sie bestand aus der inneren Mauer, der heutigen Grabenstraße, der Außenmauer und dem davorliegenden Stadtgraben. Der alte Wall wurde eingeebnet. Um 1820 wurde die Stadtbefestigung abgebrochen, da sie verteidigungstechnisch nutzlos geworden war und Hattingen in dieser Zeit über seine mittelalterlichen Grenzen hinauswuchs. Die Wirksamkeit der Befestigungsanlagen wurde im Dreißigjährigen Krieg auf eine harte Probe gestellt. Der in schwedischen Diensten stehende Oberst Wilhelm Wendt zum Krassenstein belagerte mit 3.000 Söldnern die Stadt. Nach zehntägiger verlustreicher Belagerung musste sich die Stadt ergeben und 3.000 Goldgulden Strafe zahlen.


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