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Föhrer Brauchtum

"Hartelk welkimen üüb Feer!"

 

So heißen die Insulaner ihre Gäste auf der Insel Föhr willkommen! Denn auf Föhr ist die friesische Seele noch so lebendig wie vor 100 Jahren. Viele Insulaner sprechen bis heute neben Hochdeutsch auch Plattdeutsch sowie Fering – das Föhrer Friesisch. Söleraanj, Olersem oder Bualigsem sind die friesischen Namen dreier Inseldörfer, die man auf den Ortsschildern und -steinen neben den hochdeutschen Bezeichnungen entdecken kann. 

Zwischen Tradition und Moderne - Eine Insel, drei Sprachen: So vielfältig ist Föhr. Ebenso vielfältig wie die friesische Sprache sind auch die Traditionen der Föhrer, die ihr Brauchtum und insbesondere ihre Föhringer Tracht bis heute mit Leidenschaft leben. Wenn man das Brauchtum liebt und Lust hat, das echte Nordfriesland mit all seinen Besonderheiten und Bräuchen kennenzulernen, wird man von der Nordseeinsel Föhr begeistert sein. Friesische Traditionen vom Biikebrennen im Februar, den Ringreiterturnieren in den Sommermonaten bis hin zu uralten Weihnachts- und Silvesterbräuchen. Friesische Tradition ganz modern – Föhr macht es möglich! 

Das traditionelle Brauchtum wird auf Föhr überaus gepflegt und an die nächsten Generationen weitergegeben. Die Friesinnen in ihren schönen Festtagstrachten zeigen sich noch heute als Botschafterinnen ihrer Heimat. 

Traditionell tragen die Mädchen gern die Friesentracht bei der Konfirmation.

Die Föhrer Tracht besteht aus

  • einer zarten weißen Spitzenschürze, die aus Batist genäht und mit Lochstickereien versehen ist,
  • einem knöchellangen Rock mit Mieder und Ärmeln (der Rock ist 3,5 bis 4 m weit, aus englischem Tuch, wird in Handarbeit an das Mieder genäht und im Rückenteil in 60 Falten gelegt),
  • einem Halstuch (das Halstuch ist ein Dreieckstuch mit schwarzen Fransen und wird mit 60 bis 70 Knopfnadeln an das Mieder festgesteckt).
  • Filigran-Silberschmuck (der Schmuck ist aus reinem Silber und war ein Zeichen des Wohlstandes, auf dem Amulett in der Mitte der Gliederkette sind die Symbole KREUZ - HERZ - ANKER zu erkennen, was GLAUBE - HOFFNUNG - LIEBE bedeutet),
  • einem Kopftuch (an der Stirnseite des Kopftuches ist eine Bordüre mit Blumenmustern eingestickt und seitlich befinden sich schwarze lange Fransen, unter dem Kopftuch tragen die verheirateten Frauen ein rotes Häubchen, das mit schwarzen Perlen bestickt ist),
  • einem Silberhals- und Armband,
  • einem Fingerring sowie
  • aus am Kopftuch befestigten kleinen Nadeln mit Filigranknöpfen.

Die Tracht wird von einer Generation zur anderen weiter gegeben. Sie hat einen beachtlichen Wert von ca. 5.000,00 €. Die Föhrer Tracht ist nach 1800 entstanden und wird auch noch heute vielfach zu Hochzeiten, anderen Familienfesten, Heimatfesten, Treffen mit anderen Trachtengruppen oder auch für Touristen getragen. Fast alle Mädchen lassen sich heute noch in ihrer Tracht konfirmieren. Das Anlegen der Festtagstracht erfordert viel Zeit und ist allein nicht zu bewältigen. Anders als z.B. in Süddeutschland gibt es Trachten für Männer nicht. 

2012 kürte der Deutsche Trachtenverband die Föhringer Tracht aufgrund ihres bis heute erhaltenden identitätsstiftenden Charakters zur „Tracht des Jahres“. Die „Tracht des Jahres“ repräsentiert ihren Herkunftsort und dessen regionale Besonderheiten bei allen Ereignissen des Deutschen Trachtenverbandes. Und mit der Föhrer Tracht ist so auch ein Stück Schleswig-Holstein in der ganzen Bundesrepublik vertreten.

Ringreiten – fast ein Föhrer Nationalsport –, der Schafsauftrieb "ütj to köögin", der Pfingstausflug mit geschmücktem Wagen ("ütj to keeren"), die "Hualewjonken" (eine traditionelle Vereinigung unverheirateter Männer unter 30 Jahren), das Biiken oder Biikebrennen – Föhr bietet zahlreiche spannende und originelle Überlieferungen.

Biikenbrennen

"Tjen di biiki ön"

Beim Biikebrennen werden am Abend des 21. Februar auf den Inseln große Feuer angezündet. Dafür sammelt man schon Wochen vorher Äste, Strohballen und die ausgedienten Weihnachtsbäume. Jedes Dorf möchte die größte Biike haben. Mit der Strohpuppe "Peter" wird der Winter verbrannt. Die Feuer galten Mitte des 17. Jahrhunderts als Abschiedsfeuer für die zum Walfang fahrenden Seeleute. In heidnischer Zeit wurde dadurch die Vertreibung des Winters symbolisiert. 

 

Trinj am Feer – „Rundföhr“

"Rund um den Henninger Turm" und "um die Welt in 80 Tagen", das kann jeder, aber rund um Föhr, das ist die ultimative Herausforderung. Es ist bereits Tradition: An Himmelfahrt ist die ganze Insel auf den Beinen, die Insulaner gehen »Rund-Föhr«. Schon ganz früh morgens machen sich Alt und Jung mit Proviant auf den Weg um die Insel zu umrunden.  37 km sind zu bewältigen, davon 22 km über den Deich. Westwärts oder ostwärts, links- oder rechtsherum, ganz nach Belieben. Der Weg führt über den Deich am Kliff entlang, über Strand und Straße. Wer´s nicht schafft, kehrt auf halbem Weg um und fährt mit dem Bus wieder nach Hause. In ihrer Rad- und Aktivwoche »Föhr bewegt«, die 2011 erfolgreich Premiere feierte, hat die Föhr Tourismus GmbH diese Tradition aufgegriffen und integriert. Die Idee für diesen relativ jungen Brauch hatten Föhrer Internatsschüler vom Wyker Südstrand nach dem Zweiten Weltkrieg, als sie erstmals begannen, am Himmelfahrtstag um die Insel zu wandern. Gute Laune und Verpflegung sollte man mitnehmen auf diesen Marsch. Groß und Klein, Alt und Jung machen sich gegenseitig Mut und genießen die Gemeinschaft und die frühlingshafte Natur. Dabei werden immer wieder Pausen eingeschoben. Irgendwo begegnen sich die Gruppen und nicht nur Insulaner sind dabei, sondern auch immer mehr Feriengäste.

Ütj to köögin

Früher gab es in Midlum und Oevenum einen Schafshirten. Am 15. April jeden Jahres zog er mit all seinen Schafen zum Deich hinaus. Alle Schulkinder durften mit, um für ihn am ersten Tag zu kochen. Das war ein großer Tag. Früher hatten die Kinder schulfrei. Den Hirten gibt es heute nicht mehr. Aber das "ütj to köögin" blieb überliefert. Am Sonntag nach dem 15. April ging es hinaus zum Deich. Hier  befand sich eine "Schafskuule". Dieses war eine Fenne mit einem Deich rundherum. Ein klitzekleines Haus für den Hirten als Schutz war auch da. Ja, ütj to köögin, das war immer ein großer Spaß für die Kinder. 

 

Ütj to keeren

Beim ütj to keeren sind auf Föhr die Pfingstwagen unterwegs. Auf mit Ästen und Zweigen geschmückten Wagen fahren die Einheimischen um die Insel. Am Abend trifft man sich dann zum Tanz. Am Pfingstsonntag ist Westerland-Föhr unterwegs und am Pfingstmontag Osterland-Föhr.

 

Reiterspiel mit Tradition: Ringreiten

Das Ringreiten im Sommer ist ein Inselfest, bei dem alle interessierten Besucher willkommen sind. Die Reiterspiele haben eine lange Tradition und knüpfen an mittelalterliche Reiterspiele an. Wie das "Rolandreiten", bei dem der Reiter hoch zu Ross auf hölzerne Rolandsfigurenzielt, hat sich auch das "Ringelreiten" im 16.  Jahrhundert zu einem beliebten Sport im Norden entwickelt. Seit den zwanziger Jahren wurden vier Föhrer Ringreitervereine gegründet. Auf Föhr ist das Ringreiten so etwas wie ein Nationalsport. Die Kunst beim Ringreiten besteht darin, im Galopp mit einer langen Lanze möglichst häufig die bei mehreren Durchgängen immer kleiner werdenden Ringe zu stechen. Der Ring hängt an einer Leine zwischen zwei meterhohen Galgen an einem Magneten. Mittendurch aufgespießt auf die Lanze, gibt es einen Punkt. Der kleinste Ring ist der Königsring. Nach dem Stechen und der Siegerehrung ziehen die stolzen Reiter, mit Blasmusik begleitet, durch die Dörfer, wo sie fröhlich begrüßt und gefeiert werden. Im Anschluss an das Ringreiten findet der Ringreiterball statt. Im darauf folgenden Jahr wird der König von allen Ringreitern zu Hause abgeholt, wo er zunächst zu einem Imbiss und Umtrunk in Zelt oder Scheune einlädt.

 

Der Föhrer Herbstmarkt

Bei den Insulanern schlicht Jahrmarkt genannt, hat er eine Tradition die sehr weit ins 18. Jahrhundert hineinreicht. Genauer beginnt die Erfolgsgeschichte der „Harfstmarkts bi de Wyk“ im Jahre 1710, am 8. August. In jenem Jahr erhielt Wyk die Marktgerechtigkeit und damit die Erlaubnis zwei Märkte im Jahr zu veranstalten: einen im Frühling und einen im Herbst (nimmt man es genau, so erhielt die Stadt erst rund vier Monate nach dem ersten Markt die offizielle Urkunde). Während ersterer sich nicht so recht durchsetzen mochte, ist der Herbstmarkt bis heute die Attraktion für die Insulaner schlechthin. Bis zu acht Tagen durften die Herbstmärkte von einst andauern. Den feier- und insbesondere trinkfreudigen Besuchern wurde da also eine echte Energieleistung abgefordert, könnte man annehmen. Allerdings ist davon auszugehen, dass das Gelingen der Märkte von einst nicht ausschließlich vom Litermaß des verköstigten Alkohols abhing. Obwohl es auch schon damals den ein oder anderen Zwischenfall gab. So ist etwa im Kirchenbuch von 1778 zu lesen, dass ein 17-Jähriger den Alkoholtod fand, nachdem er mit anderen „unartigen Knaben“ ein unmäßiges Brandweinsaufen auf dem Jahrmarkt veranstaltet hatte. Allein zwei Tage des früheren „Harfstmarkts“ waren für den Viehhandel vorgesehen. Heute gehen allenfalls „Rote Bullen“ in flüssiger und koffeinhaltiger Form als Durchhalte-Hilfe über die Tresen. Ansonsten wurde gehandelt mit allem was man damals so brauchte. Neben Stoffen, Schuhen, Pferdezubehör und allerlei Nützlichem für den Haushalt wurde aber so manches Genussmittel gehandelt. War die bis dahin eingeholte Ernte reichhaltig, so blühte der Handel auf dem Vieh- und Krammarkt, der übrigens lange Jahre in der Großen Straße, auf dem Sandwall oder dem Schulhof stattfand bevor er den jetzigen Bestimmungsort, der Parkplatz am Heymanns-Weg fand. Der wurde im Übrigen kürzlich um einiges vergrößert, womit auch das Angebot der Fahrgeschäfte und Buden steigt. Die Erfolgsgeschichte Föhrer Jahrmarkt ist also noch lange nicht zuende geschrieben. Und weil sich die Insulaner auf dem Jahrmarkt bekanntlich nicht lumpen lassen, kommen auch die Marktbeschicker gerne auf die Insel. Für den Umsatz, den sie in den dreieinhalb Tagen in Wyk machen, müssen sie in Flensburg oder Kiel mindestens eine ganze Woche ihre Fahrgeschäfte oder Buden aufgebaut haben.

Quelle: Üüb Feer 2005

 

Thamsen

Am 21. Dezember beim Thamsen (der Name kommt vom Apostel Thomas) verstecken Kinder und Jugendliche alles Drehbare, was draußen zu finden ist (Fahrräder, Ackergeräte u.a.). In der germanischen Zeit hatte man die Vorstellung, dass zur Wintersonnenwende alles was drehbar war oder Rad hieß, still stehen sollte. Der 21. Dezember, der Tag des Heiligen Thomas, ist der Tag der Wintersonnenwende. Der Tag mit der längsten Nacht und dem kürzesten Tag hat man seitens der Kirche dem ungläubigen Thomas zugeteilt, weil er an der Auferstehung Christus am längsten gezweifelt hatte. Nach altem Volksglauben mussten in den zwölf letzten Tagen des Jahres alle Dinge, die sich bewegten oder drehbar waren, stille stehen. Denn in dieser Zeit stand auch das Zeitenrad still, bevor es mit neuem Antrieb von Tag zu Tag wieder mehr Licht bringt. Brauch ist es daher, dass die jungen Leute sich den draußen gelassenen Dingen „erbarmen“, sie zu einem Dorfplatz oder in die „Marsch“ bringen um Unheil, Krankheiten und Tod von den Vergesslichen abzuwenden. Vor dieser „Thomasnacht“ also gilt es Ordnung zu schaffen und besagte Dinge ins Haus zu bringen. Ansonsten muss man damit rechnen, dass sie weggeschleppt werden. In der Adventszeit des Jahres 1960, so berichtet der Insel-Bote am Heiligen Abend 2010, "versprach Familie Pinks im Starklef demjenigen einen Eimer Tafeläpfel, der die beim Thamsen verschleppte Gartenpforte zurückbringen konnte".   „Früher haben wir beim Thamsen lustige Streiche gemacht“, erzählt Arfst Jürgen Arfsten. So seien beispielsweise die alten Schüttkopen, mit denen das Vieh von der Weide geholt wird, komplett auseinandergebaut und mit Mist beladen auf dem Dach des Schulhauses wieder aufgebaut worden. Auch seien teilweise von den Brunnen die Deckel abgenommen und zum Schulhaus gebracht worden, berichtet der Alkersumer in "Üüb Feer" 2007.

 

 

Friesenbaum, auch Jöölboom, zwischen 2 Bienenkörben im Haus Olesen

Föhrer Weihnachtsbaum

Der ursprüngliche Föhrer Weihnachtsbaum wird aus Holz geschnitzt und mit Gebäck und Tierfiguren behängt: der Friesenbaum, auch Jöölboom (Sylter Friesisch) oder Kenkenbuum (Föhrer und Amrumer Friesisch). Entstanden ist der Brauch ca. Mitte des 19. Jahrhunderts, als der Weihnachtsbaum vermehrt in die Stuben einzog. Da es auf den Inseln und Halligen und auch am nordfriesischen Festland kaum Tannenbäume gab, behalf man sich mit einem einfachen Holzgestell, das oben einen Rundbogen hatte. Die auch als Friesischer Weihnachtsbaum, Sylter Friesenbaum oder Föhrer Bogen bekannte Variante des Weihnachtsbaums wird ebenso wie die Tannenbäume festlich geschmückt. Der Rundbogen wird mit grünen Zweigen (oft Buchs) verziert, Rosinenketten, Äpfel und Trockenobst schmücken das Holzgestell. Das Wichtigste am friesischen Weihnachtsbaum war und ist aber das Gestaltengebäck, auf Friesisch auch „Kenkentjüch“ genannt. Die Figuren, traditionell der Lebensbaum mit Adam und Eva, ein Segelschiff, eine Mühle, ein Schwein, eine Kuh, ein Fisch und ein Hahn, haben alle symbolische Bedeutung. Am Fuß des Friesenbaums stehen immer Adam und Eva, als Symbol des Christentums. Des Weiteren das Segelschiff, dass auf die lange Seefahrtstradition hinweist, sowie die Mühle, die den Ackerbau symbolisiert. Das Schwein und die Kuh stehen für die Landwirtschaft, der Fisch für den Fischfang. Ganz oben steht der Hahn, der für Wachsamkeit und Schutz gegen Feuer steht. Heutzutage geht man davon aus, dass das Gestaltgebäck heidnischen Ursprungs war und als Opferbrot für die Götter Wodan, Donar und Frigg diente. Mittlerweile bekommt man problemlos einen Tannenbaum auf Föhr. Schön ist, dass die Tradition des Kenkenbuum fortbesteht. 

Seit einigen Jahren kommt in Wyk wieder Weihnachtsmarktstimmung auf. Nach dem alle anderen Bemühungen mit der Zeit scheiterten, etablierte sich der „Weihnachtsmarkt nach Weihnachten“ am Sandwall mehr und mehr. Hier beginnt er sogar schon ein paar Tage vor Weihnachten, die sogenannte „Festmeile auf dem Sandwall“ findet noch vor dem 4. Advent bis zum ersten Sonntag im neuen Jahr statt. Die Besucher erwarten wieder buntes Treiben und Bewirtung an Ständen und Buden. Da gibt es wieder Kartoffelpuffer oder Crepes, Punsch oder Glühwein, Bier oder Champagner, Bratwurst oder Austern, Latte Macchiato oder Hochprozentiges, Pommes oder Thaigerichte, Honiglikör oder Feuerzangenbowle, Gebrannte Mandeln oder Grünkohl. Und jede Menge Modeschmuck, Fotografien, Wollsocken, Kerzen, Pullover, Schals, und manches mehr. Also viele Gelegenheiten, das Mittagessen zu Hause mal ausfallen zu lassen oder sich nach einem gemütlichen Strandspaziergang wieder aufzuwärmen, mit Glühwein oder warmen Socken. Oder einfach bummeln, Freunde treffen, schnacken, Weihnachtsmarktstimmung genießen...

 

 

Ütj tu kenknin

Der Silvesterbrauch Ütj tu kenknin, (in Wyk: Rummelrotje) hat eine uralte Tradition. Wenn am Silvesterabend die „Kenkner“ in einfallsreichen Kostümierungen und mit individuellem Liederrepertoire um die Häuser ziehen, wünschen sie den Bewohnern der urigen Friesenkaten ein “Fröölek nei juar“. Das „Kenknern“ hat auf der Insel Föhr eine lange Tradition und bietet Besuchern, die Silvester mal auf ungewohnte Art und Weise erleben wollen, ein außergewöhnliches Schauspiel. In anderen Regionen ist dieser Brauch auch als "Rummelpottlaufen" bekannt. Hierbei bilden sich einzelne Gruppen von Kindern, die zusammen ein eingeübtes Stück vortragen oder vorsingen und dafür Leckereien oder auch schon mal etwas Geld einheimsen. Junggebliebene frönen dieser Sitte am späten Abend in der Hoffnung auf ein paar Schnäpse oder Punsch, bevor sie sich zum Tanz im Dorfkrug treffen. In der Dämmerung ziehen sie phantasievoll verkleidet von Haus zu Haus und singen das „Rummelpottlied“:

Rummel, rummel, ruttje, Kriech ik noch en Futtje?

Kriech ik een, blev ik stohn, Kriech ik twee, so will ik gohn.

Kriech ik dree, so wünsch ik Glück, dat de Osche mit de Posche dür de Schosteen flüch.

Dat ole Johr, dat nie Johr, sind de Futtjes noch nicht gor, pros Niejohr, pros Niejohr!

 

Oder man wünscht einfach einen „guten Rutsch“ mit einem kleinen Lied oder einem Gedicht und wird mit Süßigkeiten belohnt. Ein schöner Brauch, schade, wenn er auf Dauer durch „Halloween“ abgelöst werden sollte. Aber man kann ja auch beides machen ...

 

Hualewjonken Olersem

Das Hualewjonken (wörtlich übersetzt: Halbdunkeln) ist eine Vereinigung konfirmierter und unverheirateter junger Männer, die noch nicht das 30. Lebensjahr vollendet haben. Mit der Verlobung oder dem Erreichen des 30. Lebensjahres scheidet man als Mitglied aus und erlangt die Ehrenmitgliedschaft. Ehrenmitglieder sind bei den Versammlungen gern gesehene Gäste, haben aber kein Stimmrecht mehr bei den Sitzungen. Die Anfänge der Vereinigung stammen mit größter Wahrscheinlichkeit aus der Zeit um 1800 (ca. 1770 bis 1810). Die ersten schriftlichen Aufzeichnungen datieren sich allerdings erst auf den 13. April des Jahres 1881. Aufgrund dessen feiert man heute noch am 13. April den Stiftungstag des Hualewjonken Olersem. Wenn die Föhrer Walfänger im September/Oktober von Ihren Reisen zu den Fanggründen in die Gewässer vor Grönland und Spitzbergen zurück kehrten, trafen sich die unverheirateten jungen Männer, die nicht zu Hause Weib und Herd besaßen, täglich im Dorf. Meist zwischen fünf und sieben Uhr abends, im Halbdunkeln eben, denn Tags über büffelte man mit dem Pastor oder einem alten Kommandeur Navigation und Sternenkunde. Um später eine höhere Position an Bord zu erreichen. Aus diesen doch zwanglosen Zusammenkünften wurde schon bald eine feste Institution und man nannte sie der Tageszeit entsprechend Hualewjonken (Halbdunkeln). 

 

Brauchtum in der Familie
von der Geburt bis zum Tod

In ihrer Jahresarbeit 1955 beschreibt Anke Drewsen (Nielsen) die Sitten und Gebräuche auf der Nordseeinsel Föhr, die mit familiären Ereignissen verbunden waren und zum Teil noch heute sind.

Quelle: "Föhrer Sitten und Gebräuche", Anke Nielsen, Klintum auf Föhr, 1955

1. Taufe

Die Taufe versprach kirchlichen Schutz vor bösen Mächten und nahm früher einen wesentlich größeren Platz im Rahmen der Familien-Feste ein als heute. Früher legte man den Kindern auf Föhr gleich nach der Geburt zum Schutze eine Bibel in und eine gekreuzte Schere vor die Wiege, damit ihnen keine Gefahr drohte. Die Bänder der Windeln band man sodass sie ein Kreuz bildeten. Als die gefürchtetsten Feinde der Kinder wurden die "Oderbaankes" (Unterirdischen) angesehen. Zahlreiche Geschichten berichten uns, was sie für kleine merkwürdige Phantasiegestalten gewesen sein müssen. Ihre Gestalt war klein, dabei hatten sie einen ungewöhnlich großen Kopf, lange Arme, dünne und krumme Beine. Trotz dieser Missgestalt besaßen sie eine große Körperkraft. Meisten trugen sie eine kurze, rote Jacke und grüne Hosen, eine rote Zipfelmütze, und in ihrem Gürtel steckte ein kleines Messer. Sobald die Kinder getauft waren, hatten die Oderbaankes ihre Macht über die Kinder verloren. Deswegen wurden früher die meisten Kinder gleich nach der Geburt getauft. Die Taufe wurde allgemein in der Kirche vollzogen. Der marmorne Taufstein der St. Laurentii Kirche in Süderende wurde im Jahre 1752 vom Schiffskapitän Jong Rörd Jong Früdden gestiftet.  Heute findet die Taufe häufig zu Hause statt. Die drei Paten - bei einem Knaben zwei Männer und eine Frau, bei einem Mädchen zwei Frauen und ein Mann -, die Gäste und die Eltern des Täuflings versammeln sich am Nachmittag im Festhause. Früher war die Patin an einer besonderen Tracht erkennbar. Heute wird sie nicht mehr getragen. Nachdem der Pastor den Taufakt vollzogen hat, bittet der Vater die Taufgemeinde zum festlich gedeckten Tisch, an dem es eine bestimmte Tischordnung gibt. Der Pastor und die Paten erhalten Ehrenplätze. Das Auftragen der Kuchen besorgen junge Mädchen. In einigen Familien gibt es abends ein Festessen, dann ist die Feier um 10 oder 11 Uhr beendet. 

Barocke italienische Mamortaufe von 1752

(Anmerkung: Kapitän Rörd Früdden - R. F. - aus Klintum ließ die barocke Marmortaufe 1752 in der Hafenstadt Livorno von einem italienischen Steinmetz herstellen und stiftete sie der St. Laurentii-Kirche. Die zwiebelförmige Kuppa ruht auf einem profilierten Schaft, dessen Mitte ein umgekehrter Pyramidenstumpf mit der Inschrift R. F. 1752 einnimmt.) 

Romanisches Granit-Taufbecken der Nieblumer Kirche

(Anmerkung: Das romanische Granit-Taufbecken der Nieblumer Kirche, aus einem Findling herausgearbeitet, ist das älteste Inventarstück der Kirche und wurde um 1200 gearbeitet. Er gehört kunsthistorisch zu den wichtigen Arbeiten der Romanik im norddeutschen und skandinavischen Raum. Die mächtige Kuppa, die Höhlung zur Aufnahme des Taufwassers, sitzt auf einem ovalen, geschrägten Sockelstein. Der Stein ist außen mit zwei Szenen figürlich ausgeführt: Ein Ritter greift ein Mischwesen, halb Löwe, halb Schlange an, das seinerseits einen Menschen, der sich an einem Baum festklammert, bereits zur Hälfte verschlungen hat. Auf der gegenüberliegenden Seite des Steins fallen zwei Löwen über einen Menschen her, der wiederum auf einem Ungeheuer sitzt. Gegenstand beider Darstellungen ist der Kampf des Guten und des Bösen um die Menschenseele. Der Lebensbaum und der Ritter symbolisieren die Mächte des Guten, die diesen Kampf nur mit Hilfe der Taufe auf den dreieinigen Gott zu einem siegreichen Ende bringen können. Die archaische Symbolik, verbunden mit der kunstvollen Darstellung auf knapp bemessenem Raum der Oberfläche des Taufsteins, wird einen bleibenden Eindruck nicht nur auf zeitgenössische Gottesdienstbesucher haben.)

2. Namensgebung bei der Taufe

Die Namensgebung ist und war auf Föhr ein besonders feierlicher, bedeutsamer Akt im Leben des Kindes. Sie fand früher bei der Taufe statt. Bis etwas 1814 wurde die patronymische Namensgebung gepflegt. Aus dem Vornamen des Vaters mit einer angehängten Endung wie "s", "en" oder "ens" wurde der Nachname des Kindes gebildet. Wenn z.B. der Vater Arftst Boyens hieß, lautete der Nachname der Kinder Arfsten. Die Kinder von Riewert Braren erhielten den Nachnamen Riewerts.

3. Freimaagin - Konfirmation

"Freimaagin", also "Freimachen", bedeutete den Abschied von der Kindheit und im Allgemeinen auch den Abschied von der Schule. Das nächste Fest im Leben ist gewöhnlich die Konfirmation. Es bedeutet die Bestätigung des Taufbundes und Abschied von den Kinderjahren, meistens auch Abschied von der Schule. Das entnehmen wir auch aus dem friesischen Wort für Konfirmation "Freimaagin", wörtlich übersetzt "Freimachen", also die Jugendzeit und die Schulzeit hinter sich lassen. Zur Zeit der Grönlandfahrer fuhren einige Knaben von der Insel Föhr vom 10. Lebensjahr an zur See. Im Winter gingen sie zur Konfirmationsstunde und wurden dann meistens mit 15 Jahren konfirmiert.  Der Konfirmationstag gestaltet sich folgendermaßen: Am frühen Morgen des Festes grüßen zwei wehende Fahnen den Konfirmanden, die die Vorkonfirmanden ihm zu Ehren bei Sonnenaufgang gehisst haben. So will es der Seemannsbrauch. Am Pastorat treffen sich die Konfirmanden mit ihrem Pastor. Die Mädchen, ob Einheimische oder Flüchtlinge (Anmerkung: 1955!)  kommen in der Friesentracht, die sie an diesem Tag zum ersten Male tragen. Früher trugen die Mädchen auf Föhr bereits bei Eintritt in die Schule eine Kindertracht. Vor einer Generation war es noch üblich, dass die Mädchen in Tracht zur Schule gingen, wenn sie den Jahrgang für den Konfirmationsunterricht erreicht hatten. Natürlich war die Kindertracht weniger aufwendig und wertvoll als die Festtracht. Zu der Festtracht gehört zunächst das kunstvoll geschwungene Kopftuch (Braanjnöösduk). Der handgestickte Rahmen dieser Haube muss in den Farben zu dem aufgesteckten, bunten Seidenhalstuch (Halsnöösduk) passen. Der wertvolle Silberschmuck (Haagh an Leenk) aus Filigran erinnert uns an die drei wichtigsten Dinge des Lebens: Glaube, Liebe und Hoffnung, dargestellt durch Kreuz, Herz und Anker. Der weite Tuchrock (Pei) mit der blauen Borte und die weiße Spitzenschürze reichen bis fast auf die Erde. Das Kleidungsstück für die Arme (Sliawen) ist ein Teil für sich aus Sammet mit je zwei Filigranknöpfen aus Silber am Handgelenk. In diesem festlich-majestätischen Gewand schreiten sie im feierlichen Zuge unter dem Geläute der Glocken von St. Laurentii, Süderende auf Föhr, in die Kirche. Mit dem Liede "Jesu geh` voran" schreiten die Konfirmanden durch den Mittelgang zum Chor, um vor dem Altar ihr Gelübde abzugeben.  Nachdem der ernste, feierliche Teil des Konfirmationstages abgeschlossen ist, beginnt am Nachmittag das eigentliche Feiern. Die Paten und alle Verwandten und Bekannten haben sich eingefunden. Es ist ein rechtes Familienfest, in dessen Mittelpunkt der Konfirmand steht. Nach dem Kaffeetrinken spazieren alle Konfirmanden durch das Dorf und nehmen die Gratulationen der Dorfbewohner entgegen.  Um 6 Uhr abends kommen die "Flaagster", die Vorkonfirmanden, und holen die Fahne wieder ein. Sie werden zum Dank für die Ehre, die sie dem Konfirmanden mit den Fahnen erwiesen haben, bewirtet, und neuerdings erhalten sie noch ein Geldstück. Das Fest geht weiter mit einem reichlichen Abendessen, und nach einem fröhlichen Beisammensein findet die Feier meistens gegen 11 Uhr ihren Ausklang durch ein gemeinsam gesungenes Lied.

Gemälde im Vorraum der Nieblumer Johannis-Kirche: Konfirmation in der Nieblumer Kirche

4. Üütjschiten, Ausschießen

Mit der Konfirmation sind die Jungen und Mädchen dem Kindesalter entwachsen. Die Mädchen auf Föhr haben abends an einem Wochentage ihre Zusammenkunft, und die Jungen sind jetzt fähig, als Mitglieder in den Jungmännerverein, dem Hualewjonken einzutreten. Hualewjonken heißt wortgemäß ins Deutsche übersetzt: Halbdunkel. Das Hualewjonken wurde 1885 von 32 jungen Männern aus Oldsum auf Föhr gegründet, deren Namen uns noch alle in einem Protokollbuch überliefert sind. Von denen sei Boj Cornelius Nissen genannt, der als erster im Protokollbuch verzeichnet ist. Der Zweck des Hualwjonkens bestand darin, die Winterabende gemeinschaftlich durch Kartenspiel oder Erzählungen zu verbringen. Auch heute steht das Hualewjonken auf Föhr noch auf dieser Grundlage, aber der Wirkungskreis des Halbdunkeln hat sich vergrößert. Eine Aufgabe besteht in der Erziehung der Rekruten, der neuen, jungen Mitglieder. Es bildete sich zudem der Brauch des Üütjschitens. Das friesische Wort Üütjschiten übersetzen wir mit Ausschießen. Wenn ein junger Mann mit seinem Mädchen freit und es siebenmal hintereinander nach Hause begleitet hat, greift das Hualewjonken ein. Die Mitglieder des Hualewjonkens umzingeln das Haus des Mädchens, in dem sich das Paar getroffen hat, und schießen dreimal mit einem Jagdgewehr. Erscheint der Junge jetzt nicht freiwillig, so werden die Fenster und Türen aufgerissen und der betreffende junge Mann aus dem Haus geschleppt. Er muss sich jetzt entweder vor aller Öffentlichkeit zu dem Mädchen bekennen, oder er wird von den jungen Leuten erfasst und in eine mit Stroh ausgelegte Karre gepackt und durch das Dorf gefahren. Ein Nachbar erzählte: Eines Abends wurde auch ich mit meinem Mädchen überrascht und ausgeschossen. Nachdem ich mich von meinem ersten Schrecken erholt hatte, wollte ich schnell durch die Tür entwischen. Aber vergebens, alles war von kräftigen jungen Leuten belagert. Für mich gab es nur einen Ausweg: Die Bodenluke. Ich war noch so geistesgegenwärtig, dass ich mir die Schuhe auszog, denn ich wollte doch nicht, dass die Eltern meines Mädchens von dem Vorfall etwas merkten. Natürlich, wie ich später erfuhr, hatten sie alles mit angehört. Auf leisen Sohlen schlich ich über den Dachboden, öffnete die Giebelluke und sprang in die Tiefe. Ich landete in einer Mistkarre, und eh ich mich versah, wurde ich unter dem Gejohle meiner Kameraden durch das Dorf gefahren! Doch nimmt das "ausgeschossene" Paar die Gratulation der Üütjschiter an, muss der junge Mann einige Bowlen Punsch spendieren. Jetzt gilt das Paar für das Hualewjonken als Brautpaar.
Die Regeln für das Üütjschiten wurden am 20.1.1933 im Protokollbuch festgehalten:

  1. Es darf nur ausgeschossen werden, wenn der junge Mann nicht an dem selben Abend mit dem Mädchen in einem öffentlichen Lokal war: Gastwirtschaft, Café, Kino usw.
  2. Es darf nur nach 22.00 Uhr ausgeschossen werden.
  3. Das Paar muss sich in einem Haus befinden, unter freiem Himmel darf nicht ausgeschossen werden.
  4. Das Paar darf sich nicht in einer Gesellschaft befinden.
  5. Auch darf das Paar nicht ausgeschossen werden, wenn es sich mit den Eltern des Mädchens in einem Zimmer befindet.

Am Sonntag nach dem Üütjschiten tritt das ausgeschossene Mitglied vor das Hualewjonken mit den Worten: "Ik skal jam grööte fan a Bridj!" "Meine Braut läßt grüßen!" Mit dem Spendieren einiger Bowlen nimmt er Abschied vom Hualewjonken, denn hier sind nur ledige junge Männer zugelassen.

 

 

5. Üütj am Ringer (Eheringe holen)

Ein großes Ereignis war auch das "Ringe holen" vor einer Verlobung. Per Pferdekutsche ging es zum Goldschmied in Wyk, natürlich mit anschließender Feier.

Nachdem das Paar ausgeschossen und hiermit heimlich verlobt ist, folgt die öffentliche Verlobung. In einer Zeitspanne von sieben Wochen muss sich das Paar zwei Sonntage für die Verlobungsfeier ausgesucht haben. Am Dienstag vor dem Verlobungssonntag stellt sich der Freier zum Abendbrot bei den Eltern der Braut ein, um sich das Ja-Wort zu holen. Das Paar hat sich ohne elterlich Werbung gefunden, früher wurde auf jütischem Siedlungsgebiet das Verlöbnis der Kinder von den Eltern hergestellt. Am nächsten Tag, also am Mittwoch Nachmittag, fährt das Paar "üütj am Ringer" (Eheringe holen). Eine Freundin der Braut ist als Begleiterin geladen, und ein Freud des Bräutigams stellt seine Pferde und seinen Wagen zur Verfügung und kutschiert. Vor der Abfahrt kommen das Brautpaar und die beiden Begleiter im Elternhaus der Braut zum Kaffeetrinken zusammen. Danach steigen sie in den schon wartenden Federwagen, und dann geht die Fahrt nach Wyk auf Föhr los. In Wyk werden die Eheringe beim Goldschmied ausgesucht. Während der Goldschmied die Namen in die Ringe graviert, wird im Zusammenhang mit einem Spaziergang zum Zeitungsverlag die Verlobungsanzeige aufgegeben. Zurück beim Goldschmied beschenkt sich das Paar gegenseitig mit einem Silbergeschenk. Dabei wird streng darauf geachtet, dass es sich nicht um etwas Scharfes handelt (Messer oÄ.), das könnte nach einem Volksglauben nämlich die Liebe töten. Der Goldschmied lädt die Verlobten noch zu einem kurzen Umtrunk ein. Vor dem Dunkelwerden geht es in fröhlicher Stimmung dem Heimatort des Bräutigams entgegen. Hinter einer Hecke oder im Graben vor dem Ort sitz ein Junggast des "Hualew-Jonkens" mit einem Gewehr und erwartet die Heimkehr des Brautwagens. Er gibt sich dem Kutscher zu erkennen und schießt nach dem Vorbeifahren dreimal. Das sind die Glückwünsche des "Hualew-Jonkens" für das junge Paar. Bei jedem Schuss nimmt der Bräutigam den Hut ab.

 

6. Üütjbringen (das Verlöbnis unter die Leute bringen)

An einem Sonntag findet die Verlobung ("Üütjbringen" heißt so viel wie "das Verlöbnis unter die Leute bringen") beim Bräutigam im Kreise der Familie, am darauffolgenden Sonntag bei der Braut statt. Das "Hualew-Jonken" hat am Abend zuvor eine Fahnenstange vor dem Festhaus errichtet, und vor Sonnenaufgang werden die Fahnen von einige jungen Leuten aufgezogen. Ist das Flaggen nicht in aller Frühe geschehen, so ist es eine Beleidigung für die Braut. Man deutet es durch den Volksglauben als: die Braut ist unehrlich. Vor Sonnenuntergang werden die Fahnen wieder abgenommen. Durch die Schüsse wollen die Jungen sinnbildlich das junge Glück des Paares festigen und beschützen; durch den Lärm der Schüsse werden angeblich die bösen Geister vertrieben. Dieser Brauch ist durch die Seeleute aufgekommen. Das Ausschießen beim Einholen der Flaggen ist das Zeichen zum Erscheinen der Brautleute. Die Braut bewirtet die "Flaagster" mit Kuchen, und der Bräutigam schenkt dazu Wein aus. Da die Föhrer bekanntlich ein Seefahrervolk sind, kam es früher auch vor, dass die Braut ihre Verlobung allein feiern musste, während der Bräutigam auf fremden Meeren segelte. Ein Grabdenkmal auf dem Friedhof von St. Johannis in Nieblum berichtet darüber. Die Inschrift des Grabsteines besagt, dass der Seefahrer Dirk Kramer es 1762 wagte, sich "auf göttlichem Wink abwesend zu Verbinden mit der tugendsamen Eyke Jensen aus Nieblum".

 

7. Bradlep - Hochzeit

Geheiratet (Hochzeit = Bradlep) wurde in alter Zeit meistes im Herbst, wenn die Männer vom Walfischfang heimkehrten. Zwei bis drei Wochen vor der Hochzeit geht das Brautpaar zum Pastor um die Trauung zu erbitten. Der Pastor richten dann Worte der Ermahnung an das junge Paar, und der Hochzeitstermin wird festgelegt. Am nächsten Sonntag "kanzelt" der Pastor das Paar ab, d.h. es wird der Gemeinde die geplante Hochzeit von der Kanzel herab angekündigt. Einige Tage vor der Hochzeit gehen Braut und Bräutigam zu allen Verwandten um die Einladung persönlich zu überbringen. In jedem Haus, in das sie einkehren, bekommen sie ein Glas Wein und Kuchen. Um 1650 hatte die Braut bei dieser Gelegenheit noch eine besondere Tracht an. Sie trug einen aus schwarzem Tuch gemachten und mit vergoldeten Münzen besetzten Gürtel auf dem Kopf und einen mit Bändern von verschiedener Farbe umwundenen Stock in der Hand. Heute weiß man von dieser Tracht nicht mehr viel. Die Hochzeit findet gewöhnlich an einem Freitag statt. Diese Sitte stammt noch aus heidnischer Zeit. Der Freitag ist der Göttin Frigga, Göttin des Haussegens, geweiht. An ihrem Ehrentage war die Braut noch bis ungefähr 1880 mit der "Bridjkrüün" (Brautkrone) geschmückt. Sie ist aus hochgestellter Pappe, die mit schwarzem Tuch überzogen ist, gearbeitet. Die äußere Fläche ist besetzt mit grünen Blättern und dunkel- und hellroten Rosen. Eingestreute Glasperlen vervollständigen das Schmuckstück. Es sollte den Myrtenkranz ersetzen. Im Dorf war nur eine Krone vorhanden, für die eine Leihgebühr von 12 Schilling zu zahlen war. Das Bild einer Brautkrone finden wir auf einem Ölgemälde von Oluf Braren.(Anmerkung:  Das Bild "Späte Haustrauung auf der Insel Föhr" zeigt die Haus-Hochzeit seines Bruders Früd Braren mit Krassen Peter.) Heute trägt die Braut die Festtracht mit der weißen Schürze. Auf den aufgelegten Zöpfen liegt der Myrtenkranz. 

Trauung von Früd Braren und Krassen Peter

Für die Fahrt zur Kirche benutzt man heute noch Pferd und Wagen, die Braut und der Bräutigam sitzen im ersten Wagen. Dann folgen Eltern, Geschwister und die anderen Hochzeitsgäste in einer bestimmten Reihenfolge, die sich nach dem Grad der Familie richtet. Die weiblichen Gäste tragen die weiße Schürze zur Festtracht (bei Verlobungen und zur Konfirmation tragen die Frauen die schwarze Schürze). Die Trauung (Weien) bietet heute keine besonderen Bräuche mehr. Zur Zeit meiner Großmutter saß das Brautpaar nicht auf den bekränzten Stühlen vor dem Altar. Die Braut saß allein in der ersten Reihe im Chor. Hinter ihr saßen die jüngeren und dahinter die älteren Frauen. Der Bräutigam hatte seinen Platz in einem der ersten "Amklapbeenker". Auf einen Wink des Pastors trat der Bräutigam aus seiner Bank heraus und ging mit seiner Braut zur Linken zum Altar hinauf. Nach der Trauung ging die Braut an der rechten Seite des Bräutigams herunter, und sie begaben sich wieder auf ihre alten Plätze zurück. Nachdem die kirchliche Feier beendet ist, fahren alle Gäste ins Festhaus zurück. Regnet es bei der Rückkehr, so sagt man: "Es regnet dem Brautpaar das Glück in den Schoß." Ebenfalls bedeutet die Begegnung einer jungen Frau und die eines Pferdewagens Glück. Eine alte Frau wird als Unglücksbote angesehen. Nach der Ankunft im Hochzeitshause wird jeder Kutscher reichlich bewirtet. Bei den Malzeiten sitzt das Brautpaar unter dem Spiegel im Pesel. Ihnen gegenüber sitzen Verlobte. Die abendliche Feier bei Wein und Kuchen beginnt immer mit dem Lied: "Lobe den Herrn". Lustige Lieder sowie ernste Reden sind die Merkmale von Föhringer Hochzeiten. Um 12 Uhr richten sich alle Augen auf das Brautpaar. Der Bräutigam nimmt seiner jungen Frau den Myrtenkranz ab und steckt ihr das "Hüüw" auf. "Hüüw" bedeutet wortgemäß "Haube" und ist das Zeichen der verheirateten Frau. Jetzt muss der Bräutigam seiner Frau einen Kuss geben. Tut er das nicht, so erfasst der Tischnachbar die Braut und spielt den Stellvertreter. Die Hochzeitsgesellschaft nimmt das als ein Vorzeichen von Untreue für die kommende Ehe auf. Nun möchte ich noch einige Worte zum "Hüüw" sagen. Das Hüüw wird hinter das Kopftuch auf die aufgesteckten Zöpfe der Frau gesteckt. Es ist ein ovaler Lappen aus rotem Tuch und mit schwarzen Perlen und Samt bestickt. Die Herkunft des roten Stoffes ist kaum mehr bekannt, deswegen möchte ich es hier erwähnen. Die Soldatenröcke der Männer vor dem ersten Weltkrieg waren aus blauem Tuch mit rotem Besatz. Dieser Besatzstoff wurde, wenn die Röcke aufgetragen waren, für die Hüüwen verwendet. Noch heute kennzeichnet dieser Teil der Tracht eine verheiratete Frau. Erwähnenswert wäre noch das Poltern am Abend vor dem Hochzeitstag. Es wird nur im Osten der Insel praktiziert, im westlichen Teil der Insel hat es sich nicht durchgesetzt. Es wurde als eine Unsitte empfunden.

 

8. Lik - Beerdigung

"Likbaaders" benachrichtigten die Freunde und Angehörigen über den Sterbefall. Die Leiche wurde zu Hause aufgebahrt, so dass alle Freunde gebührend Abschied nehmen konnten. In Leichenzug wurde der Sarg zur Kirche geleitet. Auch für den Trauerfall werden auf der Insel Bräuche gepflegt. Ist ein Mensch gestorben, so übernehmen die jungen Mädchen in der Nachbarschaft das Amt des "Likbaaders". Sie gehen von Haus zu Haus und sagen den Tod ihres Nachbar an. Dafür bekommen diese Boten von den Angehörigen des Verstorbenen ein paar Mark als Dank. Im Totenzimmer sind die Fenster, sowie alles Blanke wie Spiegel, Türklinken und Lampen verhängt. Wenn sich eine Uhr im Zimmer befindet, wird sie zum Stehen gebracht. Man sagt, die alten Friesen grüßen niemanden durch das Abnehmen des Hutes, wenn sie aber an die Bahre eines Toten treten, entblößen sie ehrfurchtsvoll das Haupt und sprechen ein stilles Vaterunser. Der Leichenzug gestaltet sich folgendermaßen. Vorweg gehen der Pastor und der Kantor mit den Sängerknaben. Dahinter fährt der Leichenwagen, gefolgt von den nächsten Angehörigen und den Bekannten. Die Frauen, die dem Toten besonders nahe standen, trugen früher ein besonderes Trauerkleid "Surigkap". Die Schürze war weiß, und dazu wurde ein großes gesticktes, weißes Taschentuch "Surignöösduk" in der Hand getragen. In der Kirche saßen die Angehörigen auf einer besonderen Bank, der "Surigbeenk" (Trauerbank). Sie durften während der Textvorlesung nicht aufstehen und hielten während der ganzen Feier das Surignöösduk vors Gesicht und den Kopf gegen die Rückenlehne der vorderen Bank. Zur Erfrischung wurde ein Riechdöschen (Ongenduuske) herumgereicht, ein kleines silbernes Kästchen, das mit Riechkraut gefüllt war. Nach der Beerdigung gehen nur die Leidtragenden ins Trauerhaus zurück, die Trauergemeinde geht nach der Trauerfeier nach Hause. Früher wurden weder der Sarg noch das Grab mit Kränzen geschmückt. Man wollte dem Tod in seiner ganzen Härte und Herbheit ins Auge sehen.

Die Grabsteine erreichten im 18. Jahrhundert ihren künstlerischen Höhepunkt. Davon sind auf unserem Kirchhof in Süderende schöne Denkmäler erhalten. Die sinnbildlichen Darstellungen und Inschriften sind immer in Anlehnung an die Seefahrt und andere Berufe geschaffen worden. Unter den Figuren ist die Darstellung eines Schiffes am häufigsten, in den Grabschriften wird häufig die Seefahrt thematisiert.

 

Auf dem Friedhof von St. Laurentii steht ein Grabstein mit folgender Inschrift:

 

Oh Schiffer auf des Erdenlebens Wellen
Ermiß der Pflichten Höhe mit der Christenlieb Octant.
Und schaue, wie hoch auch Leidensfluten schwellen,
stets mit des Glaubens Fernrohr nach der Christen Hoffnung Land:
So wirst du sicher nach dem rechten Hafen steuern
Und sammeln wird dich Gott als Garb` in seine Scheuern.

 

Eine andere Inschrift lautet:

Die Hoffnung ist erfüllt,
wenn man im Hafen liegt.
Die Ruhe ist angenehm,
wenn Sturm und Not besiegt!

Anke Nielsen aus Klintum ist nicht die einzige Zeugin und Bewahrerin alter Sitten und Gebräuche. So schreibt  Stadtführerin, Inselkennerin und Autorin Karin Hansen in einem ihrer zahlreichen Artikel in „Üüb Feer“ über Konfirmanden und die „Flagger“, die Vorkonfirmanden der Insel:

 

"Aber auch die Konfirmanden früher hatten nicht nur Kleidersorgen, sie mussten für diesen großen Tag tüchtig lernen, schon in der Schule wurde „etwas Christentum“ wie es hieß, unterrichtet und dann ging es weiter mit dem Konfirmanden-Unterricht. Im 19. Jahrhundert kam ein halbes Jahr vor der Konfirmation der Probst auf die Insel um die Konfirmanden zu examinieren, wer die Fragen nicht ausreichend beantworten konnte, durfte erst im nachfolgenden Jahr zur Konfirmation gehen. Auch mit der Konfirmandenprüfung vor der versammelten Gemeinde in der Kirche, am Sonntag vor der Konfirmation, galt es eine aufregende Hürde zu nehmen, jeder Konfirmand musste wenigstens eine, vom Pastor gestellte Frage laut und deutlich beantworten. Mit diesem festlichen Tag der Konfirmation ist auf Föhr bis heute eine Tradition verbunden, welche daran erinnert, dass Föhr in früherer Zeit eine Insel der Seefahrer war. Am Abend vor der Konfirmation kommen zum Haus des Konfirmanden „die Flagger“, die Vorkonfirmanden, sie stellen am Haus einen Fahnenmast auf, an welchem am folgenden Tag eine Fahne oder auch Signalflaggen aufgezogen werden. Die Fahnen stammen aus aller Herren Länder und waren oft Mitbringsel der Kapitäne. In Wyk wird das Haus der Konfirmanden mit einer ganzen Fahnenreihe, welche quer über die Straße gespannt wird geschmückt. Am Abend des Konfirmationstages kommen dann die Flagger, holen die Fahnen wieder ein und werden im Haus des Konfirmanden bewirtet. Mit dem Tag der Konfirmation wurden die Konfirmanden als junge Erwachsene angesehen, sie bekamen mehr Freiheiten als in der Kinderzeit, aber auch mehr Pflichten, damit sie sich auf ihre Aufgaben als Erwachsene vorbereiten konnten. Für die Jungen begann aber der Ernst des Lebens in früherer Zeit oft bereits vor der Konfirmation, denn in der Zeit als die meisten Föhrer sich als Seefahrer ihr Brot verdienten, gingen manche Jungen schon als zwölfjährige zur See, dann wurden sie manchmal erst mit 17 oder 18 Jahren, bei besonderen Umständen auch erst als Erwachsene konfirmiert. Oftmals wurde die Konfirmation auch vorgezogen, dann heißt es „fährt zur See“ oder „geht nach Amerika“, diese Jungen wurden allein in der Kirche konfirmiert, hierfür musste „Dispens“, eine besondere Erlaubnis erteilt werden. Unseren heutigen Konfirmanden wünschen wir einen unvergesslichen, schönen und feierlichen Tag der Konfirmation, an den sie in 50 Jahren, bei der „goldenen Konfirmation“ sich gerne erinnern werden."

 

Matthias Boyens, vormals Lehrer und Küster von St. Nicolai ergänzt in seinem Band „Föhrer Erinnerungen“:

"Die Jungen kannten keine Kleidersorgen, denn für Jungen gibt es keine Tracht, heute erscheinen sie nach der aktuellen Mode gekleidet. In den 20ger Jahren gingen alle Knaben am Mittwoch vor Palmarum zu Fuß nach Wyk, um sich einen Hut zu kaufen. (Anmerkung: Palmarum für die evangelische Kirche ist der sechste und letzte Sonntag der Fastenzeit und der Sonntag vor Ostern.)  Oftmals bekamen sie einen abgelegten Konfirmationsanzug von dem älteren Bruder, manche aber auch einen neuen Anzug. Der handgewebte Wollstoff, der bei einem der Föhrer Färber dunkelblau gefärbt worden war, war nicht ganz farbecht und so konnte man erkennen wer einen neuen Anzug bekommen hatte, derjenige hatte nämlich einen blauen Hals und blaue Handgelenke."

 

Bereits vor rund 200 Jahren (1824) beschreibt Friedrich von Warnst in seinem Buch „Die Insel Föhr und das Wilhelminen See-Bad“ Insel, Sitten und Gebräuche. Wer bisher meinte, dass „Fenster(l)n“ eine süddeutsche / österreichische (Un-)Sitte sei, muss sich eines Besseren belehren lassen: Hieß die inzwischen fast bedeutungslos gewordene Art der Brautwerbung hier „Fensterln“ oder „Kiltgang“ (heimliches Stelldichein und nächtlicher Besuch eines jungen Burschen bei einem Mädchen), so sprach man auf der Insel vom „Fenstern“ oder „Nachtfreien“. Obwohl von der reformierten Kirche bekämpft, erfreute sich der „Kiltgang“ großer Beliebtheit. Voreheliche Schwangerschaften gaben den Verlobten die im bäuerlichen Umfeld kaum überschätzbare Gewissheit, dass sie Kinder bekommen konnten, und wurden deshalb relativ nachsichtig behandelt. Freilich riskierten die Frauen damit auch die Schande einer unehelichen Geburt.

 

Fenstern oder Nachtfreien

"Zu den eigenthümlichen Sitten der Bewohner Föhrs gehört unter ändern das Fenstern oder Nachtfreien; das, ohne erachtet strenger Gesetze dagegen, dennoch nicht ganz hat abgeschafft werden können. Mißbräuche und gefährliche Folgen für die bürgerliche Sicherheit hatten, wie aus der Gesetzgebung hervorgeht, zuerst auf Fehmern strenge Verbote dagegen veranlaßt. Eine Verordnung, die spater in dieser Beziehung für Föhr im Mai 1740 erlassen wurde, verbot diese Sitte unter Strafe von 20 Rthlr. oder 8tägigem Gefängniß bei Wasser und Brot, und bestimmte die Ungültigkeit der auf solche Weise geschlossenen Eheversprechungen, selbst wenn Schwangerschaft statt fände. Aber die darüber mit der Statthalterschaft geführte Correspondenz erwähnt ausdrückliche daß zwar die ältere Fehmersche Verordnung Veranlassung gegeben und zum Grunde gelegt worden sei; jedoch für Föhr mehrere Modifikationen billig, und die Localitat und andre Umstände berücksichtigt zu werden verdienten. Eine spatere Deklaration vom 5ten März 1753 erklärte, daß mit den Strafbestimmungen beide Theile gleichmäßig gemeint seyen. Der Hergang bei diesem alten Gebrauch, dem Fenstern oder Nachtfreien ist nun folgender. Abends nach 10 oder 11 Uhr, wenn die Familie sich zu Bette gelegt, gehen die Jünglinge nach den Wohnungen, wo sie erwachsene Mädchen wissen. Dann öffnen sie das Fenster, steigen in die Schlafstube der Mädchen, setzen sich an ihre Betten, und plaudern eine Weile mit denselben. Hier und durch solche Unterhaltung und Gespräche werden Bekanntschaften gemacht; und daß Föhringische Mädchen soll nichts weniger als gleichgültig in ihrem Urtheil seyn über die Art und Weise, wie der junge Mann durch seine Unterhaltung und Rede sie und ihre Neigung zu fesseln versieht. Gefällt ihr der Mann nicht, so verbirgt sie sich tiefer unter der Decke und es ist dies ein Wink für ihn, sich zu entfernen. Alsdann geht er zu einem ändern Hause, wo er sein Glück aufs neue versucht, und oft macht ein solcher Freier in einer Nacht gar viele Besuche und Versuche. Selten macht ein solcher Jünglig einen solchen Besuch allein, sondern, um jeden Verdacht zu vermeiden, in Gesellschaft einer seiner Kameraden; es sey denn, daß er schon in nähere Bekanntschaft gekommen oder gar schon mit dem Mädchen bis zum Eheversprechen gelangt. Viele eheliche Versprechungen werden bei solchen Besuchen gemacht, obgleich das Gesetz dieselben als nicht bindend oder nicht rechtskräftig erklärt hat. Es gehört zu den besondern vorzüglichen Zielsetzungen für einen jungen Mann, unerkannt von ändern Jünglingen beim Fenstern zu bleiben. Die Erfahrung hat gelehrt, daß die Moralität unter dieser Sitte wohl nicht eigentlich leidet; und wie sollte sie es auch mehr thun, als ihr Gefahr droht bei der gewöhnlichen Lebensweise Verlobter und sich Freiender. Dagegen ist es factisch, daß die Aufmerksamkeit der jungen Mannschaft unter sich, die polizeiliche Sicherheit größer, und manchen schläfrigen, wo nicht gar schlafenden Nachtwächter, entbehrlich macht."

 

Hochzeit auf Föhr

"Sucht der Föhringer nicht auf lauten Gelagen und betaubenden Tanzlustbarkeiten die Lebensgefährtin, sondern in nächtlicher Stille und Einsamkeit gleichsam den höheren Werth kennen zu lernen, ohne Gefahr zu laufen sich zu spät, bei vielleicht aller äußern Schönheit, enttäuscht zu sehen, so hat bei ihm auch das Fest bei Begründung seines Hausstandes den mehr anpassenden Charakter einer stillen und gemüthlichen Feier, und die Hochzeiten sind hier nicht, wie in so manchen Gegenden des Vaterlandes, wahre Bachanalien. (Anmerkung: Bacchanalien (von lat. Bacchanalia), die Bacchusfeste im antiken Rom, waren Feierlichkeiten, die oft mit wildester Ausgelassenheit zelebriert wurden.) Selten werden andere als die Eltern und Geschwister des Brautpaars zu den Hochzeiten geladen. Am Hochzeitstage versammeln diese sich gegen Mittag und gehen dann paarweise nach der Kirche, wo die Kopulation vollzogen wird. Mittags werden die Hochzeitsgäste mit einer Mahlzeit und Nachmittags mit Kaffee und Thee, Zwiebacken, Nüssen, Aepfeln und dergleichen mehr bewirthet; zum Abendbrodt wird Thee und Butterbrodt, oder statt Thee Wein gegeben: gegen Mitternacht hat die Feierlichkeit ein Ende. Sehr selten wird bei solcher Veranlassung getanzt."

 

Taufen

"Die Kinder werden auf Föhr allgemein und immer zu Hause getauft; und zwar gewöhnlich nachmittags um 3 Uhr. Wenn Prediger und Gevatter versammelt und die Taufhandlung vollzogen, dann wird mit Kaffee und Wein bewirthet. Nach 2-3 Stunden gehen jene nach Hause, und die Feierlichkeit ist beendet."

 

Begräbnis

"Stirbt jemand in einem Hause, so werden die Nachbaren gebeten, den Toten anzukleiden. Sie kommen zu dieser letzten nachbarlichen Freundesdienstleistung noch am Sterbetage, wo möglich, d.h., wenn der Tod früh oder in der Nacht erfolgt ist; und zwar Männer, wenn der Tote eine Manns- und Weiber, wenn es eine Frauensperson ist. Sie unterhalten sich in  einem Nebenzimmer bei Thee und einer Pfeife Toback, bis die Vorbereitungen vollendet sind, und ihnen wird etwas Branntewein und Zwieback gereicht. Es ist bei diesem Anbiß vor der Leichenlegung gebräuchlich, nichts liegen zu lassen; was Jemand an Zwieback oder trocknen Kuchen nicht genießt, verwahrt er in seinem Taschentuch, und nimmt es mit zu Hause. Nun wird der Tobte bekleidet und in den Sarg gelegt, der bis zum Beerdigungstage, gewöhnlich der nächste Sonntag, offen stehen bleibt. Ist jenes Geschäft beendigt, dann werden die Nachbaren wieder mit Kaffee und Zwieback bewirthet, unterhalten sich ein Stündchen bei einer Pfeife und jeder geht zu Hause. Die Nachbaren machen das Grab, tragen mit Hülfe der im Dorfe wohnenden Männer und Jünglinge zu Grabe und beerdigen, ohne daß ihnen dafür etwas gegeben würde. Ohne Aufwand wird das Leichenbegangniß gehalten. Bekannte und Freunde versammeln sich in und am Sterbehause, wo der Prediger, wenn der Sarg aus dem Hause gekommen, eine kurze Rede hält. Nach der Beerdigung und Leichenpredigt geht jeder zu Hause; nur die nächsten Angehörigen gehen zurück ins Trauerhaus. Bei einem Todesfall zu Wyck beurkundet sich die nähere nationelle Verwandschaft der Halligen-Bewohner und der Wycker Friesen. Bei solchen Fällen kommen, wenn Witterung und die Fluth es nur erlaubt, bie Bewohner der Halligen zahlreich nach Wyck, um zu Grabe zu folgen."

 

 

 

Bautradition: Insel der weichen Dächer

Nirgendwo gibt es mehr reetgedeckte Häuser an der Deutschen Küste als auf Föhr. Reetdachhäuser gehören zum Landschaftsbild wie das Meer, die Dünen und die Leuchttürme.  Das Reetdach ist umweltfreundlich und dämmt besonders gut.

 

Reetdächer haben eine lange Tradition und wurden bereits zu Zeiten verwendet, als die Menschen anfingen sesshaft zu werden. Das für die Dächer verwendete Schilfrohr wächst an langsam fließenden oder stehenden Gewässern und ist besonders widerstandsfähig. Die dem Schilf eigenen Merkmale wie die wasserabweisende Struktur und die große Stabilität machen es zu einem idealen Werkstoff. Aufgrund des häufigen Vorkommens im gewässerreichen Norden wurde Reet dort bereits früh als Material zum Dachdecken genutzt. 

Schilfrohr als Bedachung bringt viele Vorteile mit sich. So ist das verwendete Material als natürlich wachsender Rohstoff eine umweltfreundliche Alternative zu herkömmlichen Bedachungen mit einer optimalen Energiebilanz. Ein professionell angelegtes Reetdach schützt das Haus zudem vor jedem Wettereinfluss. Das Schilf sorgt durch seine besondere Struktur für einen schnellen Ablauf von Regenwasser und eine gute Wärmedämmung im Winter. Im Sommer überzeugt das Reetdach durch Klimaregulierung, indem es Feuchtigkeit aus dem Haus nach außen leitet. Die Natürlichkeit der verwendeten Materialien macht ein Haus mit Reetdach zu einem biologisch wertvollen Gebäude.

 

Reetdächer haben vor allem eine große traditionelle Bedeutung und sind ein Kulturgut des deutschen Nordens. In den europäischen Küstenregionen prägt diese beliebte Bedachung das unverwechselbare Landschaftsbild. Einige Landkreise schreiben sogar eine Bedachung mit Schilf vor und genehmigen nur in Ausnahmefällen Ziegeldächer. Als wichtiger Wirtschaftszweig mit vielen Handwerksbetrieben, die sich ausschließlich auf das Anlegen und die Reparatur von Reetdächern spezialisiert haben, ist das Schilfrohr ein bedeutender Baustoff.

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