Geschichte der Henrichshütte

1850-1869

 

1853 gab Graf Henrich zu Stolberg-Wernigerode dem Hüttenmeister Roth den Auftrag zur „Begründung einer Coaks- Hochofen Anlage in Westfalen" und Errichtung der neuen Industrieanlage. Ein Teil des Hüttengrundstückes wurde aus dem Bestand des Rittergutes Haus Bruch erworben, der Kauf des Restgutes wurde zum 31. Oktober 1854 vollzogen. Ein Jahr später, 1854, erfolgte nach der Konzessions-Erteilung für die Errichtung von acht Hochöfen die Grundsteinlegung zu den Fundamenten. Gleichzeitig erfolgte die urkundliche Festlegung des Namens „Henrichshütte" zu Ehren des inzwischen verstorbenen Gründers Graf Henrich zu Stolberg-Wernigerode. 1855 wurde der 1. Hochofen angeblasen. Die Belegschaft bestand aus einem Schichtmeister, drei Steigern und 326 Arbeitern. 1857 wurde die Henrichshütte aus Kapitalmangel für 2.000.000 Taler an David Hansemann, Inhaber der Discontogesellschaft Berlin verkauft.

 

1870-1889

 

Nach dem Anschluss der Henrichshütte an die Ruhrtalbahn 1870 wurde1871 das Stahlwerk errichtet. Die Jahresproduktion betrug 30.800 Tonnen nach dem Bessemer Verfahren. Bereits ein Jahr später bestanden die Produktionsanlagen aus 4 Hochöfen, 4 Rostöfen, einem Puddel- und Walzwerk mit 33 Puddel- und 17 Schweißöfen, ferner 11 Dampfhämmern, 8 Walzenstraßen für Schienen, Walz- und Handelseisen, einer Gießerei mit 3 Kupol- und 2 Flammöfen und einer Maschinen-Fabrik. Die Belegschaft hatte sich auf 1.553 erhöht. 1876 erfolgte die Inbetriebnahme eines Blechwalzwerks. 1879 waren zwei neue Hochöfen betriebsfertig, davon einer in Reserve; insgesamt waren nun sechs Hochöfen in Betrieb. 1882 erfolgte die Inbetriebnahme eines Trio-Blechwalzwerks. 1884 wurde eine neue Koksbatterie mit 44 Öfen fertiggestellt. 1889 wurde eine zweite Winkelstraße und eine neue Blechschmiede erbaut.

 

1890-1899

 

1894 erfolgte die Inbetriebnahme eines Röhrenwerks zur Herstellung geschweißter Rohre. 10 Jahre später, 1899, lag die Jahreserzeugung bei 7.000 Tonnen Bleche aller Art und U-Eisen, 2.500 Tonnen Winkeleisen, 7.000 Tonnen stumpf-geschweißter Gasrohre, 5.000 Tonnen überlappt geschweißter Rohre, 5.000 Tonnen Eisenguss, 2.000 Tonnen SM-Temper-Stahl, 2.500 Tonnen Schmiedestücken, Maschinen und Maschinenteilen, 3.600 Tonnen verzinkter Waren, sowie Fässer mit einem Fassungsvermögen von insgesamt 850.000 Tonnen.

 

1900-1929

 

1904 ging die Henrichshütte für 7.400.000 Mark in den Besitz der Firma Henschel & Sohn, Kassel über. Henschel & Sohn stellte u. a. Lokomotiven her. Die Henrichshütte hieß nun: Henschel & Sohn „ Abteilung Henrichshütte" und hatte 1.300 Belegschaftsmitglieder. 1905 wurde das Siemens-Martin-Stahlwerk mit der Stahlgießerei in Betrieb genommen. 1906 wurde das Walzwerk ausgebaut. Das neuen Press- und Hammerwerk (2 Pressen und 10 Dampfhämmer mit Nebenanlagen, wie Wärmeöfen, Dampfkessel und Krane) lief an. 1909 wurden die Stahlwerkshalle verlängert, 1911 die Stahlwerkshallen verstärkt. Während des Ersten Weltkrieges 1914 wurden verstärkt Rüstungsartikel produziert. 1919 wurde der 8-stündigen Arbeitstag eingeführt. Auf Befehl der Kontroll- Kommission mussten 1919-20 zahlreiche Spezialmaschinen vernichtet werden. 1921 erfolgte die Verlängerung der Stahlwerkshalle. Vom 15. März bis 1. Dezember 1923 lag die Hütte still. Nach der Räumung Hattingens wurde die Arbeit in der Hütte aufgenommen. Diese hatte zu dieser Zeit 3 Hochöfen, 1 Schlacken-steinfabrik, 2 Stahlwerke mit 10 Martinöfen, 1 Eisen- und 1 Stahlgießerei, 1 Blechschmiede, 3 Vergütungsanlagen, 1 Kokerei mit 2 x 50 Koksöfen, 1 Gaszentrale, 1 Materialprüfungsanstalt 1 Walzwerk mit 4 Walzenstraßen und 1 Zentral-Kesselhaus, 6.000 Mitarbeiter. 1928 nahm die Rohstahlerzeugung um ein Drittel ab. Streiks erfolgten bei der Wiedereinführung der zehnstündigen Arbeitszeit. Trotz der in die Hütte 71.500.000 Mark investierten Gelder musste sich Henschel von der Henrichshütte trennen.

 

1930-1939

 

1930 erfolgte die Gründung der Ruhrstahl AG, Witten, als Organgesellschaft der Vereinigte Stahlwerke AG mit den Werken Henrichshütte, Gussstahlwerk Witten, Gelsenkirchener Gussstahlwerk, Stahlwerk Krieger, Annener Gussstahlwerk und Presswerke Brackwede. Nach Wiederansteigen der Produktion, 1934, erfolgte der Neubau der Werkstätten 4, 5 und 6 sowie der Stahlgießerei. 1936 wurde eine 3.000-t- Presse gebaut. 1938 wurde die 4-schiffige Münchner Halle gebaut für folgende Einrichtungen: Lehrwerkstatt, Hauptmagazin, Reserveteillager und Bearbeitungswerkstatt für Heeresteile. Die Stahlformgießerei 2 wurde im gleichen Jahr noch einmal erweitert. 1939 stieg die Belegschaft auf 6.868 Mitglieder.

 

1940-1949

 

1942 wurde das Dampfkraftwerk erweitert. und die Lokradsatz-Werkstatt verlängert. Trotz mehrerer Luftangriffe wurde 1943 die 6.000-t- Presse gebaut.1944 war die Zahl der Belegschaftsmitglieder auf 9.000 angestiegen. Die Besetzung von Hattingen und der Henrichshütte durch amerikanische Truppen erfolgte im April 1945. Wochenlang fanden im Werk Untersuchungen statt, Akten und Zeichnungen mit Wehrmachtskennzeichnungen wurden beschlagnahmt. 1945 wurde die erste Betriebsgenehmigung erteilt „Zum Zwecke der Instandsetzung von Lokomotiven und Eisenbahnausrüstungen sowie zur Lieferung von Fertigwaren aus vorhandenen Beständen''. 1946 gelang es, 3.000 Belegschaftsmitgliedern wieder Beschäftigung zu geben. Von den Alliierten beschlossenen Demontagen werden 1949 angefangen.

 

1950-1959

 

1950 begann die Entflechtung der Ruhrstahl AG: Das Gussstahlwerk Witten, Gelsenkirchener Gussstahlwerke und Stahlwerk Krieger wurden auf Anordnung der Militärbehörden ausgegliedert. 1951 erfolgte die Neugründung der Ruhrstahl AG mit den Werken Henrichshütte, Annener Gussstahlwerk und Presswerke Brackwede. 1954 erfolgte der Ausbau des Press- und Hammerwerks und die Modernisierung der Bearbeitungswerkstätten. Nach Erwerb von 96 % des Aktienkapitals 1956 wurde die Ruhrstahl AG Tochtergesellschaft der Rheinischen Stahlwerke. Es erfolgte die Inbetriebnahme des Ofens 8 im Stahlwerk und eines 4,2-m- Grobblechwalzwerks. 1958 ging der 100-t-Elektroofen in Betrieb. Nach dem Ruhrstahl-Heraeus-Umlauf- Entgasungsverfahren wurde Vakuumstahl erzeugt. Der Bau der neuen Verwaltung begann. 1959 wurde die Kokerei stillgelegt und die Weiterverarbeitung ausgebaut.

 

1960-1969

 

1961betrug die Roheisenkapazität 63.800 Tonnen pro Monat. Die Band-Sinteranlage wurde fertiggestellt. 1963 stand im Zeichen der Gründung der Rheinstahl Hüttenwerke AG mit den Werken Ruhrstahl Henrichshütte, Hattingen-Ruhr, Schalker Verein, Gelsenkirchen, Friedrich-Wilhelms-Hütte, Mülheim und Meiderich, Ruhrstahl Annen, Witten-Annen, Ruhrstahl Presswerke Brackwede, Brackwede und Tochtergesellschaften Gussstahlwerk Oberkassel AG, Düsseldorf, Ruhrstahl Apparatebau GmbH, Hattingen-Ruhr, Ruhrpumpen GmbH, Witten-Annen, Hille-Werkzeugmaschinen GmbH, Witten-Annen. 1965 erfolgte die Inbetriebnahme des neuen Kümpel- und Presswerks.1967 wurde eine neue Stranggießanlage mit zwei Brammen-Stranggießmaschinen (Kreisbogenprinzip) erbaut. Mit der Neuzustellung des Hochofens 3 (1968) und der Stillsetzung des Hochofens 2 erfolgte die Inbetriebnahme der Elektro-Schlacke-Umschmelz- Anlage für Schmiedeblöcke bis 10 Tonnen Gewicht und maximal 1.000 mm Durchmesser.

 

1970-1979

 

1970 wurde das neue LD-Stahlwerks mit 150- Tonnen- Konverter in Betrieb genommen. Zwischen 1971 und 1973 erfolgten die Neuzustellung des Hochofens 2, die Fertigstellung des neuen Ringwalzwerks für Ringe bis 6 m Durchmesser, der Ausbau der Edelstahl-Blechfertigung und die Ergänzung des LD-Stahlwerks um ein Wechselgefäß. 1974 erfolgte die Verpachtung der Werksanlagen der Rheinstahl Hüttenwerke GmbH Hattingen im Rahmen der Kooperation zwischen Rheinstahl und Thyssen an die August Thyssen-Hütte AG. Für Schmiedeblöcke bis maximal 60 Tonnen Gewicht wurde eine neue ESU- Anlage in Betrieb genommen. 1976 erfolgte die Inbetriebnahme des neuen umweltfreundlichen Elektro-Stahlwerks mit 2 Elektroöfen mit 40 bzw. 150 Tonnen Fassungsvermögen. 1978 wurde die große Schmiedepresse umgebaut, die Presskraft von 60 MN auf 80 MN erhöht. 2 Jahre später wurde der erste 350-t- Rohblocks abgegossen. 1983 erfolgte die Inbetriebnahme der VAD-Anlage (Vacuum-arc-degassing) zur Herstellung kleiner Chargengewichte.

 

1980-1989

 

1984 wurde die 2,8 m Quarto- Grob- und - Mittelblechstraße sowie der Sinteranlage zur Straffung des Programms im Thyssen-Verbund stillgelegt. Investitionen erfolgten zur Modernisierung und Neuanschaffung von CNC- gesteuerten Bearbeitungsmaschinen, Erneuerung von Schmiedeöfen, Wärmebehandlungsöfen, 350-t-Kran, Kranverstärkungen bis 600-t-Tragkraft, dann Abguss des ersten 435-t-Blocks und Schmieden einer 200 t schweren Generatorwelle. 1985 sind nur noch 5.563 Belegschaftsmitglieder beschäftigt.

 

1993

 

Sieben Jahre später (1993) erfolgte im Stahlwerk der letzte Abstich.